Ich bin mir nicht ganz sicher, wozu die­se Sau durchs Dorf getrie­ben wird. Dass Sony ein Daten­leck hat­te, bei dem 77.000.000 Benut­zer­da­ten­sät­ze in die freie Wild­bahn gera­ten sind, ist an sich noch kein Pro­blem, denn wenn man mal nüch­tern betrach­tet, dass dazu Nach­na­me, Vor­na­me, Adres­se und Tele­fon­num­mer gehö­ren, ist das kein Daten­leck – das kann jeder im Inter­net und im Tele­fon­buch fin­den. Dass dabei auch Kre­dit­kar­ten­num­mern waren, sehe ich nicht so tra­gisch. Ers­tens sind die Kre­dit­kar­ten­in­sti­tu­te ver­si­chert, zwei­tens zie­hen Ban­ken nor­ma­ler­wei­se eine Kre­dit­li­nie ein, bis zu der bei Miss­brauch über­haupt abge­ho­ben wer­den darf, drit­tens lässt sich die Kre­dit­kar­te auch tele­fo­nisch sper­ren – und vier­tens waren die Sicher­heits­num­mern nicht dabei.
Wozu die Auf­re­gung? Jeder Strei­fen­wa­gen kann heut­zu­ta­ge bei der Schufa mei­ne Ein­kom­mens­si­tua­ti­on abfra­gen, jeder Finanz­be­am­te mei­ne Kran­ken­ge­schich­te.
Was sol­len Besit­zer mit die­sen Daten anfan­gen?
Mich erpres­sen, weil ich einen neu­en Staub­sauger gekauft habe? Mei­ner Frau offen­ba­ren, dass ich das Müs­li auf Kre­dit­kar­te gekauft habe?
Machen wir uns doch nicht lächer­lich: aus dem Homo sapi­ens ist schon längst ein Homo publi­cis gewor­den. Wir leben in der Öffent­lich­keit – nicht mehr in einen klei­nen schwä­bi­schen Dorf arg­wöh­nisch beäugt von den Nach­barn, son­dern von der gan­zen Welt. Mei­ne Daten flie­gen durch die gan­ze Welt – auch die von Mil­lio­nen ande­ren Nut­zern, ob sie nun eine Play­sta­ti­on besit­zen oder nur eben mal schnell den Begriff „frei­es Tibet“1 oder „Oral­sex“2 googeln.
Wir tun immer noch so, als gäbe es eine Art kom­mu­ni­ka­ti­ven Schutz­raum um uns her­um, als könn­te man jede Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hand­lung in einen pri­va­ten und einen öffent­li­chen Bereich ein­ord­nen. Was die Sta­si3 in der DDR nur mit enor­men per­so­nel­len Anstren­gun­gen zuwe­ge brach­te, betrei­ben wir doch alle selbst: wir pro­sti­tu­ie­ren uns jeden Tag, an dem wir sur­fen, chat­ten und tele­fo­nie­ren, ein­kau­fen und Fahr­kar­ten kau­fen. Im Gegen­teil dient die­se öffent­li­che Zur­schau­stel­lung eher der sozia­len Sta­bi­li­sie­rung: Jeder ist betrof­fen, egal wie viel er ver­dient, egal was er glaubt oder wel­che Par­tei er wählt. Die Bewe­gungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten aller Teil­neh­mer ste­hen allen Teil­neh­mern zur Ver­fü­gung. Das nen­ne ich mal frei­heit­lich.

Ich habe mehr Angst vor den Daten­sät­zen, an die die Hacker nicht ran­ge­kom­men sind: an die Unter­stel­lun­gen und Heim­lich­kei­ten, die dazu benutzt wer­den kön­nen, poli­tisch gegen Län­der zu het­zen, die öffent­li­che Mei­nung zu unter­drü­cken und den Men­schen das Recht auf eine eige­ne Wil­lens- und Mei­nungs­bil­dung vor­zu­ent­hal­ten.

P.S.: Mei­ne Adres­se steht auf mei­ner Home­page, da ich kei­ne Play­sta­ti­on habe.


  1. jetzt hat es in Chi­na „Klick“ gemacht 

  2. jetzt hat es in den USA „Klick“ gemacht 

  3. jetzt hat es in Ber­lin „Klick“ gemacht