Das klingt zunächst bedroh­lich, was heute.de da vermeldet:

Inter­ne Doku­men­te einer ame­ri­ka­ni­schen IT-Sicher­heits­fir­ma bele­gen, dass Spe­zia­lis­ten an einer Soft­ware zur Mani­pu­la­ti­on sozia­ler Netz­wer­ke arbei­ten. Künf­tig könn­ten Dis­kus­sio­nen in Blogs, Foren und Inter­net­sei­ten mas­siv im Sin­ne von Unter­neh­men und Regie­run­gen beein­flusst wer­den. (heute.de)

Das scheint ja nun ein wah­res Eldo­ra­do für die Spin-Dok­to­ren zu sein: Ein neu­es Medi­um als Platt­form der geziel­ten Mei­nungs­ma­che. Nach­dem man es im Fern­se­hen vor­mach­te, wie sich Stim­mung machen lässt, indem Inhal­te bis zur Unkennt­lich­keit ein­ge­dampft wer­den und damit zwar nicht gelo­gen, aber impli­zit ver­fälscht wer­den kön­nen, ist jetzt „das Inter­net“ dran: Die PR-Tröp­fe schrei­ben für ihre Herr­chen, auf dass sie in einem bes­se­ren Licht daste­hen mögen.

Das ist ganz alter Hut. Frü­her mal­ten die Por­traitma­ler ihre Auf­trag­ge­ber in vor­ge­fer­tig­te Scha­blo­nen ein, retu­schier­ten die Phy­sio­gno­mie und mach­ten sie so beein­dru­cken­der, als sie in Wirk­lich­keit waren. Spä­ter über­nah­men dies die Por­traitfo­to­gra­fen. Aber sowohl Ölge­mäl­de als auch Fotos — und Fern­se­hen — besit­zen einen Unter­schied zum Inter­net, der die­sen PR-Spin­nern noch gar nicht auf­ge­fal­len zu sein scheint: Es sind Ein­bahn­stra­ßen. Die Dar­stel­lun­gen wer­den von einem erlauch­ten Kreis der zuar­bei­ten­den Schran­zen ange­fer­tigt und ste­hen dann einem Publi­kum zur rei­nen Rezep­ti­on zur Ver­fü­gung. Je mehr und je dich­ter die Infor­ma­ti­ons­wel­len auf­ein­an­der fol­gen, des­to mehr bewegt sich die Mei­nung in die gewünsch­te Rich­tung. Wie eine Fah­ne auf dem Mast. Die Mei­nungs­ma­cher sind der Wind, die Fah­ne ist das Medi­um und die Rezep­ti­en­ten sind die Zuschau­er unten auf dem Boden.

Das ist ein Web­feh­ler. Das Inter­net ist eben im Unter­schied zu den rein auf Rezep­ti­on aus­ge­leg­ten Medi­en kei­ne Ein­bahn­stra­ße. So wie nicht der Buch­druck, son­dern auch die Aneig­nung der Lese­fä­hig­keit die Mün­dig­keit des Reze­pi­en­ten beför­dert hat1, so ist die Mög­lich­keit der Benut­zer, sich aktiv im Inter­net zu bewe­gen, der größ­te kul­tu­rel­le Schub des Medi­ums Internet.

Außer natür­lich man kann ver­hin­dern, dass der User sich frei bewe­gen und sich sei­ne Mei­nung daher selbst bil­den kann. Das gelingt aber nur, indem man ihn bewusst dumm hält, ihm den Ver­zicht auf die freie Mei­nungs­bil­dung als Vor­teil ver­kauft, an sei­ne Eigen­schaft als dum­mer Kon­su­ment appe­liert und ihn zum Kon­sum­vieh degra­diert. Dann ist das Inter­net eigent­lich nur noch ein ande­rer Kanal, um in das stumpf vor sich hin­brü­ten­de Gehirn des Rezi­pi­en­ten zu gelan­gen. Es ist der Kampf um die Dumm­heit des Users.

Das hat aber schon beim Lesen nicht funk­tio­niert: die Men­schen lesen nicht nur das, was man ihnen vor­setzt, sie lesen das, was sie wol­len. Und sie wer­den auch im Inter­net das ankli­cken, was sie wol­len, nicht das, was man ihnen vorhält.


  1. Und das ist mei­nes Erach­tens die größ­te kul­tu­rel­le Lei­tung Mar­tin Luthers gewe­sen: die Über­set­zung der Bibel in die deut­sche Spra­che