Und wie­der macht ein neu­es »Buz­zword« die Run­de: »Mul­tich­an­nel-Publi­shing«. Aus­ge­ru­fen von gro­ßen Soft­ware-Her­stel­lern, soll es ein gro­ßer Schritt auf dem Weg zum Stein der Wei­sen sein, end­lich mit nur einer Soft­ware die Infor­ma­tio­nen auf allen nur erdenk­li­chen »Kanä­len« zu ver­brei­ten. Qua­si der umge­kehr­te Blick auf »Sin­gle-Source-Publi­shing«. Oder doch nicht? Und wozu überhaupt?

Erst ein­mal aber der Rei­he nach: Im Prin­zip geht es um Infor­ma­tio­nen und die Art und Wei­se ihrer Ver­brei­tung. Im Mit­tel­al­ter war es noch ganz ein­fach: der König schick­te sei­ne Herol­de los, die dem Volk, des Lesens unkun­dig, die Erlas­se und Ver­ord­nun­gen ver­kün­de­ten. Die wei­te­re Ver­brei­tung über­nahm dann der »Volks­mund« – mit den bekann­ten Fol­gen: jede Wei­ter­ga­be ver­än­der­te die ursprüng­li­che Infor­ma­ti­on ein wenig, nahm hier etwas weg, was nicht ver­stan­den wur­de, füg­te dort etwas hin­zu. Und fer­tig waren ganz neue Infor­ma­tio­nen, die meist nicht mehr viel mit ihrem Ursprung zu tun hatten.

Das änder­te sich plötz­lich mit der Erfin­dung des Buch­drucks mit beweg­li­chen Let­ternDank Guten­berg und sei­ner Nach­fol­gern konn­ten die ein­mal ver­fass­ten Infor­ma­tio­nen nun ver­viel­fäl­tigt wer­den, ihre Ver­mitt­lung wur­de weni­ger feh­ler­an­fäl­lig und damit siche­rer. Ohne die­se bahn­bre­chen­de Erfin­dung wären moder­ne Staa­ten in Euro­pa gar nicht denk­bar gewe­sen. Aber noch lan­ge exis­tier­ten die­se bei­den Arten der Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung neben­ein­an­der – zumin­dest so lan­ge, bis auch der letz­te Emp­fän­ger lesen konn­te. Die Über­win­dung des Analpha­be­tis­mus, die Ein­füh­rung der Schu­le und damit die Befä­hi­gung des Vol­kes zum »Sel­ber­le­sen« stellt eine der größ­ten gesell­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten der euro­päi­schen Kul­tur in den letz­ten Jahr­hun­der­ten dar.

Seit nicht ein­mal einer Gene­ra­ti­on jedoch bricht die­se trau­te Zwei­sam­keit aus Hören­sa­gen und dem Kon­sum bedruck­ter Medi­en aus­ein­an­der. Sie wird gespal­ten von der »infor­ma­tio­nel­len« Revo­lu­ti­on: dem Infor­ma­ti­ons­kon­sum aus digi­ta­len Quel­len, der schnel­len Nach­rich­ten­ver­brei­tung durch Inter­net per Brow­ser, über Smart­pho­nes und alle sons­ti­gen Gerä­te, die an das glo­ba­le Infor­ma­ti­ons­netz ange­schlos­sen sind. Jeder Blog­ger ist ein Repor­ter, jeder mit­tel­mä­ßig gebil­de­te Mensch kann ein sol­ches Medi­um bedie­nen – in mehr­fa­cher Hin­sicht. Nicht mehr der König und sei­ne Schrei­ber, der Jour­na­list oder der Redak­teur besitzt die Infor­ma­ti­ons­ho­heit, jeder Com­pu­ter­be­nut­zer hat Teil dar­an. Ob Twit­ter oder face­book, News­feeds oder Blogs: wir alle tra­gen absicht­lich oder unab­sicht­lich zu einem gewal­ti­gen Infor­ma­ti­ons­an­ge­bot bei, das nie ein Mensch über­bli­cken wird. Dafür wächst es ein­fach zu schnell.

Hier sto­ßen die bis­he­ri­gen Werk­zeu­ge an ihre Gren­zen:Ob Text­ver­ar­bei­tung oder Lay­out­pro­gramm: sie alle sind papier­zen­triert, sie alle bie­ten uns beim Anle­gen eines neu­en Doku­ments auto­ma­tisch eine lee­re Sei­te an – so als ob jeder Infor­ma­ti­ons­emp­fän­ger spä­ter ein Blatt Papier in der Hand hält. Tut er aber nicht mehr unbe­dingt. Ganz im Gegen­teil: Zei­tungs­ver­le­ger kla­gen über sin­ken­de Absatz­zah­len und grü­beln ver­zwei­felt über Bezahl­mo­del­le für Inter­net­an­ge­bo­te. Sie sind zuneh­mend gezwun­gen, das digi­ta­le Infor­ma­ti­ons­netz nicht mehr nur wie in einer Ein­bahn­stra­ße regel­mä­ßig mit Infor­ma­tio­nen zu pflas­tern – die Kon­su­men­ten ver­lan­gen nach mehr: mehr Inter­ak­ti­on, mehr Aus­wahl und mehr Kon­trol­le über die Inhal­te. Lese­zei­chen im Brow­ser und Feed­grup­pie­rung, die eige­ne Zusam­men­stel­lung von Infor­ma­ti­ons­häpp­chen pas­send zum indi­vi­du­el­len Bedarf, sie sind Kenn­zei­chen einer Eman­zi­pa­ti­on von der klas­si­schen »Ver­laut­ba­rungs­kom­mu­ni­ka­ti­on«: der König spricht noch, aber kei­ner hört mehr zu.

Die klas­si­schen Medi­en­pro­du­zen­ten ver­su­chen nun in den letz­ten Jah­ren trotz sin­ken­der Auf­la­gen­zah­len ein grö­ße­res Publi­kum zu errei­chen, um auf dem Markt bestehen zu kön­nen. Sie sind gezwun­gen, mög­lichst rasch auf die sich wan­deln­den Kon­sum­ge­wohn­hei­ten einer dif­fu­sen Leser­schaft zu reagie­ren. Sie müs­sen ihre Inhal­te gleich­zei­tig auf mög­lichst vie­len Kanä­len sen­den: Öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten ent­de­cken das Inter­net­vi­deo, damit man sich auch mit­ten in der Nacht noch die tages­ak­tu­el­len Nach­rich­ten anschau­en kann, Zei­tun­gen brin­gen ihre Arti­kel in Kurz­fas­sun­gen zunächst ins Inter­net und las­sen sie dort von ihren Lesern bewer­ten bevor sie in den Druck gehen – jedes Infor­ma­ti­ons­häpp­chen muss mehr­mals umge­setzt wer­den, damit es sich über­haupt noch lohnt.

Was bedeutet das für die Technische Redaktion?

Ob man es glaubt oder nicht: Tech­ni­sche Doku­men­te gehö­ren in ihrer Gesamt­heit zu den meist­ge­le­se­nen Infor­ma­ti­ons­quel­len. Zei­tungs­ar­ti­kel wer­den nur ein­mal kon­su­miert – kaum gele­sen, sind sie ver­al­tet. Eine Gebrauchs­an­wei­sung aber ist kein Weg­werf­pro­dukt, sie wird auf­be­wahrt. Die dar­in ent­hal­te­ne Infor­ma­ti­on ist sta­tisch. Die ein­mal gekauf­te Wasch­ma­schi­ne ver­än­dert auch nach Jah­ren nicht plötz­lich ihre Schleu­der­dreh­zahl, das Auto nicht sei­nen Hubraum.

Tech­ni­sche Infor­ma­tio­nen haben eine ande­re Hür­de zu meis­tern: sie müs­sen sich nicht nach dem maxi­ma­len Infor­ma­ti­ons­um­satz rich­ten, son­dern nach dem maxi­ma­len Gebrauchs­wert der Infor­ma­ti­on. Die Fra­ge muss lau­ten: Für wel­ches Pro­dukt eig­net sich wel­ches Medi­um auf wel­chem Gerät am Bes­ten, um dem Benut­zer den größt­mög­li­chen Gebrauchs­wert zu liefern?

Kein Mensch liest die Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on zum Ver­gnü­gen, das ist wahr. Glück­li­cher­wei­se sogar, denn es wür­de uns ver­mut­lich meist über­for­dern. Wir müss­ten didak­tisch, tech­nisch, päd­ago­gisch und lite­ra­risch geschult sein, um den Spa­gat zu bewerk­stel­li­gen. Nein, die Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on wird gele­sen, wenn es brennt, wenn man ganz schnell die rele­van­ten Infor­ma­ti­ons­häpp­chen zur Hand haben muss. Wir müs­sen als Redak­teu­re die­se Situa­ti­on anti­zi­pie­ren, wir müs­sen vor­aus ahnen, was der Benut­zer sucht, wie er sucht und wel­che Hilfs­mit­tel er ein­setzt. Sitzt er vor einem Com­pu­ter, wird er ver­mut­lich die Online­hil­fe auf­ru­fen, steht er aber drau­ßen im Wald und sucht die bes­te Ver­schluss­ein­stel­lung für sei­ne Kame­ra, benutzt er ver­mut­lich ein Smart­pho­ne. Das ist unse­re Her­aus­for­de­rung. Wir müs­sen nicht auf allen Kanä­len sen­den, son­dern nur auf dem jeweils geeig­ne­ten. Ob das auch die Her­stel­ler von Soft­ware so sehen, weiß ich nicht. Bis­her habe ich den Ein­druck, dass dort unter »Mul­tich­an­nel-Publi­shing« eigent­lich nur eine Art digi­ta­les Mega­phon ver­stan­den wird, mit dem man den Geräusch­pe­gel erhö­hen kann.