Wir jam­mern auf wirk­lich hohem Niveau: Gera­de lese ich in einem Arti­kel der FAZ über die zuneh­men­de „Ent­gren­zung“  zwi­schen Beruf und Frei­zeit:

Für lei­ten­de Ange­stell­te gilt die Ober­gren­ze [von 48 Wochen­stun­den, d.red.] nicht“, sagt Arbeits­recht­ler Wiß­mann. Hier habe sich der Gesetz­ge­ber wohl gedacht, dass die Mehr­ar­beit durch eine ent­spre­chend hohe Ver­gü­tung aus­ge­gli­chen wer­de und Füh­rungs­kräf­te zudem über Mög­lich­kei­ten ver­füg­ten, zusätz­li­che Arbeit auf Mit­ar­bei­ter zu ver­tei­len. (FAZ online)

48 Wochen­stun­den gilt nicht für lei­ten­de Ange­stell­te, weil sie ja schließ­lich dafür bezahlt wür­den, die Arbeit zu machen und sie außer­dem dele­gie­ren kön­nen. Lei­ten­de Ange­stell­te kön­nen das, Selbst­stän­di­ge nicht.

Hier wer­den Äpfel mit Bir­nen ver­gli­chen: in einer moder­nen Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft, wohin die unse­re zumin­dest im Berufs­le­ben ten­diert, wird es immer weni­ger Ange­stell­te geben. Ihr fes­te Berufs­bin­dung, ihre Arbeits­platz­bin­dung löst sich auf, sie ste­hen als „Pseu­do-Tage­löh­ner“ einer Orga­ni­sa­ti­on zur Ver­fü­gung, der sie einen Teil ihres Leis­tungs­po­ten­zi­als für einen gewis­sen Zeit­raum zutei­len — so wie es ein Selbst­stän­di­ger auch macht. Und genau­so wie ein Selbst­stän­di­ger sind auch sie dazu ver­pflich­tet, ihre „Work-Life-Balan­ce“1 selbst zu ver­wal­ten.

Die Dis­kus­si­on hakt an zwei Stel­len: sie bezieht sich bei der Berech­nung der Arbeits­zeit auf ein ver­al­te­tes oder zumin­dest nicht mehr umfas­send gül­ti­ges Berech­nungs­mo­dell (Arbeit = Zeit = Leis­tung), das zwar in der Indus­trie­ge­sell­schaft mit ihren Fließ­bän­dern und der Mas­sen­pro­duk­ti­on noch gül­tig gewe­sen sein moch­te, aber in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft nicht mehr passt. Und sie tut so, als ob Die­je­ni­gen, die in die­ser Gesell­schaft leben, mit der zuneh­men­den Fle­xi­bi­li­tät und Mobi­li­tät gleich gut umge­hen könn­ten.

Gera­de Letz­te­res scheint mir näm­lich nicht so der Fall zu sein…


  1. Als ob es für Selbst­stän­di­ge einen gro­ßen Unter­schied zwi­schen Leben und Arbei­ten gäbe…