Nun hat sich auch der Gigant aus Red­mond im schö­nen Bun­des­staat Washing­ton auf­ge­macht, einen Teil jener omi­nö­sen „Wol­ke“ für sich in Anspruch zu neh­men, die seit weni­gen Jah­ren als „Revo­lu­ti­on“ die Com­pu­ter die­ser Welt erobert. Nach­dem Kon­kur­rent Goog­le droht, dem eins­ti­gen Qua­si-Mono­po­lis­ten die Nut­zer (und vor allem deren Daten) abzu­ja­gen, hat sich Micro­soft sei­ner schier uner­schöpf­li­chen Res­sour­cen beson­nen und legt nun sei­ne Ver­si­on der „Cloud-Ser­vices“ vor. Und die kann sich sehen lassen.

Über 90% aller Per­so­nal Com­pu­ter die­ser Welt benut­zen das Betriebs­sys­tem von Micro­soft. Und min­des­tens eben­so vie­le auch das zwei­te gro­ße Pro­dukt­pa­ket „Office“. Für vie­le Benut­zer scheint es sogar über­haupt kei­nen Unter­schied zwi­schen Betriebs­sys­tem und Büro­an­wen­dung zu geben – und in der Tat hat Micro­soft sein Betriebs­sys­tem und die Büro­soft­ware mit dem schlich­ten Namen „Office“ so eng mit­ein­an­der ver­zahnt, dass es nur weni­ge Alter­na­ti­ven gibt, wenn es dar­um geht, im Büro­all­tag die Kor­re­spon­denz zu erle­di­gen, Kal­ku­la­tio­nen durch­zu­füh­ren oder Prä­sen­ta­tio­nen zu erstellen.

Ein mit Word erstell­tes Doku­ment ein­schließ­lich Tabel­len und Bil­der. Sieht nicht aus wie gedruckt, ver­hält sich aber so.

Zwar umfasst das Office-Paket noch mehr Pro­gram­me, aber jene drei Kern­an­wen­dun­gen sind in den letz­ten Jah­ren durch die Alter­na­ti­ve „OpenOffice.org“ etwas gefled­dert wor­den. Wäh­rend „OpenOffice.org“ den Vor­teil der Kos­ten­frei­heit und das Look & Feel des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts besitzt, kamen die Pro­gram­mie­rer bei Micro­soft im Zuge der kom­plet­ten Über­ar­bei­tung ihrer Soft­ware auf eine neue Form der Benut­zer­füh­rung, den „Rib­bon“. Dazu spä­ter mehr.

Alle auf dem eige­nen PC instal­lier­ten Pro­gram­me tei­len eine Achil­les­fer­se:sie sind eben auf dem eige­nen Rech­ner instal­liert. Was für Pro­fis ein Muss ist – denn nur so las­sen sich die Pro­gram­me bedarfs­ge­recht kon­fi­gu­rie­ren – ist für Lies­chen Mül­ler eine Qual. Sie muss sich um Updates küm­mern, muss Ver­zeich­nis­se anle­gen um die Doku­men­te able­gen zu kön­nen, sich mit den gera­de in der Win­dows-Welt ver­brei­te­ten Viren und sons­ti­ger Mal­wa­re und Zugriffs­be­rech­ti­gun­gen her­um­schla­gen und ver­bringt oft mehr Zeit damit, wahl­los Knöpf­chen zu drü­cken und Infor­ma­tio­nen so red­un­dant abzu­le­gen, dass sie sie nie wie­der findet.

Mit einem Gut­teil die­ser für den ein­fa­chen Benut­zer unüber­wind­li­chen Hin­der­nis­se ver­spricht die „Cloud“auf­zu­räu­men. Goog­le ver­la­ger­te dazu ein­fach alle wich­ti­gen Anwen­dun­gen ins Inter­net ohne sich wei­ter um die hei­mi­schen Rech­ner zu küm­mern. Selbst das eige­ne klei­ne Betriebs­sys­tem „Chro­me“ ist eigent­lich nur ein Brow­ser, den man um ein paar Funk­tio­nen erwei­tert hat. Das war für Goog­le nicht schwie­rig, hat­te man doch kei­ne Soft­ware-Instal­la­tio­nen anzu­bie­ten und dem­entspre­chend auch kei­ne Mil­lio­nen Nut­zer, die kei­nen Inter­net-Zugang haben.

Micro­soft aber hat sie. Und auf deren Rech­nern lagern Exa­bytes an Infor­ma­tio­nen, die nur des­we­gen nicht mit ande­ren Benut­zern aus­ge­tauscht wer­den kön­nen, weil sie schon immer in den Tie­fen der Fest­plat­te schlum­mer­ten und kei­nen Weg nach drau­ßen fan­den. Ent­we­der hat­ten sie das fal­sche For­mat, der Emp­fän­ger oder der Sen­der waren just im rich­ti­gen Moment nicht online oder es fand sich kein pas­sen­der Datenträger.

Mit sei­nem Ser­vice „Win­dows Live“ ver­folgt nun Micro­soft den Ansatz, die­se bei­den Wel­ten mit­ein­an­der zu ver­hei­ra­ten. Online und gleich­zei­tig lokal arbei­ten, Doku­men­te aus­tau­schen ohne sie zu ver­schi­cken und auch dar­an arbei­ten zu kön­nen, wenn mal kein Zugang ins Netz da ist. Das ist die Theo­rie. Wie aber geht das in der Praxis?

Micro­soft wäre nicht Micro­soft,ver­folg­te man bei die­sem Ansatz nicht auch gleich gro­ße Zie­le. Unter dem Dach „Win­dows Live“ ver­knüpft man face­book (bei dem man Antei­le besitzt), MyS­pace, Lin­kedIn – nur um ein paar gro­ße „Soci­al Net­works“ zu nen­nen – mit der eige­nen Video-Chat-Anwen­dung „Mes­sen­ger“ und einem Online-Schuh­kar­ton für eige­ne Fotos (ähn­lich „Pica­sa“ von Goog­le) sowie eben einer Office-Applikation.

Mit die­ser las­sen sich Word-, Excel-. Power­Point- und One­Note-Doku­men­te anle­gen und bear­bei­ten. Das stößt bei kom­ple­xe­ren Doku­ment­struk­tu­ren schon mal an die Gren­zen des­sen, was im Inter­net mach­bar ist, kann sich aber sehen las­sen. Und soll­te für Lies­chen Mül­ler in den meis­ten Fäl­len auch völ­lig aus­rei­chend sein.

Vor­aus­set­zung ist – wie bei Goog­le auch – die Ein­rich­tung eines eige­nen Kon­tos. Dazu genügt die Anga­be einer vor­han­de­nen eige­nen E-Mail-Adres­se (an die geht die Bestä­ti­gung) und die Anga­be eines frei wähl­ba­ren Pass­worts, bei dem auch sofort eine Rück­mel­dung ange­zeigt wird, wie sicher es ist. Zwar ist die Anmel­de­pro­ze­dur etwas läs­tig, muss aber sein, denn sonst käme man nicht in den Genuss von sage und schrei­be 25 GB kos­ten­lo­sem Spei­cher­platz auf den Ser­vern von Micro­soft. (Zum Ver­gleich: Goog­le bie­tet 7 GB und Apple mit einem nur ansatz­wei­se ver­gleich­ba­ren „iWork“ – immer noch im Beta-Sta­di­um – gera­de ein­mal 1 GB.)

Wäh­rend aller­dings sowohl Apple als Goog­le wer­be­frei aus­kom­men, muss man bei Micro­soft ein Wer­be­ban­ner über sich erge­hen las­sen. Das ist aller­dings dann auch alles. Denn nun kann man sich nach Her­zens­lust aus­to­ben, Doku­men­te anle­gen, Tabel­len ein­bin­den, Prä­sen­ta­tio­nen erstel­len, Fotos von der hei­mi­schen Fest­plat­te ein­bin­den und kom­plet­te Doku­men­te zusam­men­stel­len, sich eine Vor­an­sicht anzei­gen las­sen und sogar aus einer Viel­zahl vor­be­rei­te­ter Absatz­for­ma­te aus­wäh­len. Dabei kann der Benut­zer fast wie Daheim mit dem „Rib­bon“ arbei­ten – ein Inter­face, das anfangs zwar gewöh­nungs­be­dürf­tig ist, aber nach kur­zer Ein­ge­wöh­nung mit gestei­ger­ter Pro­duk­ti­vi­tät punktet.

Die Doku­men­te wer­den auto­ma­tisch im Benut­zer­ver­zeich­nis ange­legt und kön­nen dort mit ande­ren Benut­zern geteilt wer­den. Die­se erhal­ten dann wie auch bei Goog­le eine Berech­ti­gung, die­se Doku­ment zu ändern, ohne dass sie ihren Platz auf dem Ser­ver ver­las­sen müs­sen. „Col­la­bo­ra­ti­on“ lau­tet das Zau­ber­wort. Auch gibt es eine Ver­si­ons­his­to­rie – uner­läss­lich für die Arbeit.

Aber es wäre nicht Micro­soft, hät­te man sei­ne Aber­mil­lio­nen Instal­la­tio­nen des Office-Pakets auf den PCs die­ser Welt aus den Augen ver­lo­ren: Jedes Doku­ment besitzt zwei Bear­bei­tungs­mög­lich­kei­ten: Ein­mal im Brow­ser (ein aktu­el­ler Brow­ser wie Inter­net Explo­rer, Fire­fox oder Web­Kit-basiert) und ein ander­mal auf dem hei­mi­schen Rech­ner. Ein Klick auf „In Word öff­nen“ und los geht’s: „Möch­ten Sie das Doku­ment in Word öff­nen?“ Sofern das Doku­ment nicht im Quell­ver­zeich­nis des „Sky­Drive“ liegt, star­tet jetzt Word oder Excel Power­Point und öff­net das Doku­ment. Sofern das Office-Paket mit der dazu erfor­der­li­chen OpenXML-Datei umge­hen kann, lässt sich jetzt pri­ma auch ohne Inter­net­an­schluss arbei­ten. Erst beim Spei­chern wan­dern die Daten wie­der zurück auf den Ser­ver und wer­den mit Ände­run­gen abge­gli­chen, die ein ande­rer zuge­las­se­ner Benut­zer mög­li­cher­wei­se vor­ge­nom­men hat.

Ein Anwen­dungs­fallkönn­te sein, dass man auf sei­nem Mac Zuhau­se mit Office:mac 2011 ein umfang­rei­ches Word-Doku­ment bear­bei­tet, es auf den Ser­ver kopiert, dann am Arbeits­platz mit Office für Win­dows 2010 die Datei ergänzt und unter­wegs mit dem Brow­ser das bear­bei­tet, was der Kol­le­ge an die­sem Doku­ment geän­dert hat.

Fazit

Auch wenn man an Word und Co. viel­leicht ein paar Ange­wohn­hei­ten bemän­geln mag, mit der Ein­rich­tung der „Web App“ ist Micro­soft ein gro­ßer Wurf gelun­gen. Aus­bau­fä­hig im umge­kehr­ten Sinn ist höchs­ten noch das Begriffs­wirr­warr: liegt das Doku­ment nun auf „Sky­Drive“, „Office Live“ oder „Win­dows Live“? Das mag für den Pro­fi Jacke wie Hose sein, für das mitt­ler­wei­le bekann­te Lies­chen Mül­ler ist das erschwe­rend. Aber ins­ge­samt lup­fen wir den Hut. Jetzt liegt der Ball wie­der bei Google.