Bei dem gan­zen emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Tohu­wa­bo­hu um den unter­ir­di­schen Bahn­hof in Stutt­gart und die damit ver­gra­be­nen Steu­er­mil­li­ar­den beschleicht mich das Gefühl, dass hier ein Stil­wech­sel vor der Tür steht. In einem Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung bezieht Herr Gru­be, Erbe des Pro­jekts „Stutt­gart 21“, klar Stel­lung für die ihn unter­stüt­zen­den Minister:

Deutsch­land hat sich dazu schon vor 15 Jah­ren inter­na­tio­nal ver­pflich­tet. […] Ich fal­le nicht um. Ich bin sicher, dass Stutt­gart 21 ver­wirk­licht wird. Ver­mut­lich kön­nen wir in zehn Jah­ren Ein­wei­hung fei­ern. (sued­deut­sche online)

Es geht hier nicht um einen Bahn­hof, es geht nicht um ein paar alte Kas­ta­ni­en, es geht hier um das Durch­set­zen einer Pla­nung von vor 15 Jah­ren. Nun mag man ein­wen­den, es habe sich in der Zwi­schen­zeit viel geän­dert, aber die Aus­sa­ge wirft mei­ner Mei­nung nach ein ganz inter­es­san­tes Bild auf unse­re Volks­ver­tre­ter. Mir scheint, da haben sich eini­ge Men­schen in ihrer Welt aus Pla­nung, Poli­tik und Mach­bar­keits­stu­di­en ein­gei­gelt und wun­dern sich nun, dass ein Gut­teil der Bevöl­ke­rung in einer ande­ren Rea­li­tät lebt. Ob Trans­ra­pid oder Wald­schlöß­chen­brü­cke: in dem unbe­ding­ten Glau­ben an den Segen durch tech­ni­schen Fort­schritt wur­den in müh­sa­men Ver­fah­ren Gel­der umge­wid­met und Mit­ar­bei­ter ver­schlis­sen — und nun schrei­en die eben noch gön­ner­haft Regier­ten, dass sie da nicht mit­spie­len wollen.

Natür­lich ist es ein PR-Desas­ter, aber es geht tie­fer: auf der ande­ren Sei­te ste­hen Men­schen, die sich in ihrer aktu­el­len Situa­ti­on nicht ernst genom­men füh­len, egal, ob man sie als Hartz-IV-Emp­fän­ger mit zusätz­li­chen 5 Euro monat­lich abspeist, oder ob man „not­lei­den­den“ Ban­ken mit Mil­li­ar­den unter die Arme greift, die einem nicht gehö­ren — es wird im Hin­ter­zim­mer aus­ge­kun­gelt, es wer­den Macht­spiel­chen ver­an­stal­tet, aber dem zah­len­den Teil der Bevöl­ke­rung wer­den nur die Ergeb­nis­se prä­sen­tiert, er wird nicht gefragt.

Im Gegen­teil, Ein­wän­de, die einem nicht pas­sen, wer­den dis­kre­di­tiert, nur um den eige­nen Beschluss bes­ser ver­kau­fen zu kön­nen. Man traut dem Sou­ve­rän nicht, er wird behan­delt wie ein unge­zo­ge­nes Kind. Da setzt es dann mal eben eine Watschn. Was aber seit eben jenen 15 Jah­ren sich gewan­delt hat, ist die gefühl­te Dis­so­nanz und Unzu­frie­den­heit in der Bevöl­ke­rung. Manch­mal macht sie sich in sin­ken­der Wahl­be­tei­li­gung Luft1, manch­mal in gewalt­sa­men Demons­tra­tio­nen oder lau­tem Pro­test. Ernst genom­men wer­den sie nie, die Bürger.

Soll­ten sie aber. Denn es geht nicht dar­um, wie man am bes­ten Poli­tik ver­kauft, son­dern wie man ein Volk regiert, das auch mit­re­den will. Nicht nur auf der Stra­ße oder alle vier Jah­re im Wahl­lo­kal. Man kann ihm wesent­lich mehr Rea­li­täts­sinn zumu­ten als man­che der Regie­ren­den glau­ben. Nur ernst neh­men muss man es. Sonst sitzt man schnel­ler im Frei­en als man vermutet.


  1. Das ist immer nur für etwa 10 Sekun­den The­ma der Wahl­nacht, danach küm­mert sich kei­ner der Gewähl­ten dar­um, dass er eigent­lich immer weni­ger sei­ner Bür­ger reprä­sen­tiert.