Und wie­der war es Zeit für eine Rad­tour. Dies­mal aber nicht in den Süden, son­dern in das Land der Angeln und Sach­sen: East Anglia, die Wie­ge der Besied­lung des eng­li­schen König­reichs, Ziel zahl­lo­ser Wikin­ger, Kon­ti­nen­tal­mi­gran­ten – und auch von uns. Bevor der geneig­te Leser sich in die Lek­tü­re der Rei­se­be­schrei­bung ver­tieft, sei noch vor­aus geschickt, dass auch die­se Tour dem Anspruch gerecht wer­den soll­te, Men­schen, Kul­tur und Geschich­te mög­lichst nah zu erle­ben – und das geht nun mal nur mit Rad, Zelt und Kocher.

Nach Harwich

Wir kom­men ja aus Mün­chen, und da ist Har­wich nicht ein nahe lie­gen­des Ziel. Also muss­ten wir zunächst mit dem Nacht­zug von Mün­chen nach Rot­ter­dam und dann dort mor­gens nach Hoek van Hol­land, wo die Fäh­re zur Insel ablegt. Die Über­fahrt dau­er­te denn auch sechs­ein­halb Stun­den, so dass wir ins­ge­samt 18 Stun­den benö­tig­ten, bis wir in Har­wich von Bord rol­len konn­ten – auf der lin­ken Sei­te der Straße.

All­ge­mein

Auch wenn Eng­land für sein Wet­ter berüch­tigt ist, das eine Rad­rei­se eigent­lich nicht ange­nehm machen kann, hat­ten wir bis auch die obli­ga­to­ri­schen kur­zen Nie­sel­schau­er gutes Wet­ter. Den­noch braucht man Regen­zeug immer griff­be­reit, um nicht ins Frie­ren zu kommen.

Har­wich selbst hat sei­ne bes­ten Tage schon län­ger hin­ter sich und lebt eigent­lich nur von dem Con­tai­ner­ha­fen in Felix­s­to­we und den Fäh­ren zum Kon­ti­nent, so dass es dort auch neben Hotels für Über­nach­tungs­gäs­te kei­nen Zelt­platz gibt. Das wuss­ten wir vor­her und hiel­ten uns auch nicht mit Suchen auf, immer­hin war es schon Abends (bei tro­cke­nem Wet­ter), son­dern zogen direkt los am Süd­ufer des River Stour mit sei­ner lang­ge­zo­ge­nen Fluss­mün­dung Rich­tung Man­ning­tree. In Wrab­ness gab es den ers­ten Zelt­platz – und nach den Stun­den in der Bahn und auf der Fäh­re tat es eigent­lich auch ganz gut, die Bei­ne schon mal ein­zu­ra­deln. Da es aber am Süd­ufer kei­ne tou­ris­ti­sche Rou­te gibt, son­dern nur eine A120, die die Rei­sen­den mög­lichst schnell aus Har­wich her­aus­be­för­dern soll. war der Ver­kehr sehr stark und lär­mend bis wir die B1352 nach Man­ning­tree nah­men. Von dort abge­bo­gen auf eine noch ruhi­ge­re Land­stra­ße begann das Radeln Spaß zu machen. Den Zelt­platz erreich­ten wir bei ein­bre­chen­der Dun­kel­heit. Da der Zelt­platz weit außer­halb einer grö­ße­ren Ort­schaft liegt, konn­ten wir einen wun­der­schö­nen kla­ren Nacht­him­mel betrach­ten und den Kin­dern mal die Milch­stra­ße in ihrer gan­zen Pracht zeigen.

Von Harwich nach Bury St. Edmunds

Streng genom­men waren wir also am nächs­ten Mor­gen schon ein paar Mei­len hin­ter Har­wich, als die Tour rich­tig begann. Das Tages­ziel war Bury St. Edmunds. Von Man­ning­tree aus, wo wir uns ver­pro­vi­an­tier­ten, ging es in nord­west­li­cher Rich­tung über ruhi­ge Neben­stra­ßen zum Grab des Königs Edmund, der der Stadt den Namen gege­ben hat­te. Und damit weit zurück in die eng­li­sche Geschich­te, denn der spä­ter hei­lig gespro­che­ne Edmund der Mär­ty­rer, der der Über­lie­fe­rung zufol­ge den Mär­ty­rer­tod gestor­ben war, als er sich wei­ger­te, sei­nen christ­li­chen Glau­ben zu ver­leug­nen. Aller­dings wur­de er mit den Insi­gni­en Bär, Baum, Pfei­len und Wolf dar­ge­stellt, da der Sage nach die Dänen ihn durch Pfei­le hin­rich­te­ten und dann ent­haup­te­ten. Nach dem dama­li­gen Glau­ben an die Wie­der­auf­er­ste­hung am Jüngs­te Gericht aller­dings muss­te der Kör­per unver­sehrt sein. Eine Ent­haup­tung und damit Bestat­tung ohne Kopf ver­hin­der­te somit zuver­läs­sig die Auf­er­ste­hung – der Tote war damit dazu ver­dammt, für alle Zei­ten als kopf­lo­ser Geist her­um­zu­wan­dern. Daher rührt auch ver­mut­lich die Vor­stel­lung, dass Gespens­ter häu­fig ohne Kopf gedacht werden.

Die Klos­ter­kir­che von Bury St. Edmunds. Im Hin­ter­grund links hat­te bis 1538 die Kathe­dra­le den Him­mel verdeckt.

Edmund hat­te jedoch mehr Glück – ein Wolf fand sei­nen Kopf und bewach­te ihn, bis die Freun­de Edmunds ihn fan­den und wie­der ver­eint bestat­te­ten. Spä­ter brach­te man sei­ne Gebei­ne nach Bury St. Edmunds. Das Mit­tel­al­ter war manch­mal doch recht dunkel…

Heu­te steht dort aller­dings nur die Kir­che eines der größ­ten Klös­ter des frü­hen euro­päi­schen Mit­tel­al­ters. Sie gehör­te zu einem rie­si­gen und rei­chen Klos­ter­are­al, das Hein­rich VIII Anfang des 16. Jahr­hun­derts zer­stö­ren ließ, um sich die Schät­ze ein­zu­ver­lei­ben. Dabei zer­stör­te man auch die Kathe­dra­le, von der heu­te nur noch Grund­mau­ern des Por­tals ste­hen. Beim Durch­schrei­ten des „Abbey Gate“ spürt man jedoch immer noch die Aus­strah­lung der welt­li­chen und kirch­li­chen Macht im Mittelalter.

Wir hat­ten Abends den Zelt­platz „The Dell“ erreicht und konn­ten uns Bury St. Edmunds erst am kom­men­den Mor­gen anse­hen. Da aller­dings gleich­zei­tig Markt­tag war und damit die Hälf­te der Bevöl­ke­rung East Angli­as sich auf den Stra­ßen und in der Fuß­gän­ger­zo­ne tum­mel­te, ver­zich­te­ten wir auf einen län­ge­ren Auf­ent­halt und zogen wei­ter in Rich­tung Cam­bridge, nach­dem wir uns mit Kar­ten­ma­te­ri­al ver­sorgt hatten.

Von Bury St. Edmunds nach Cambridge

Eine lan­ge Stre­cke nach Wes­ten lag vor uns: Von Bury St. Edmunds nach Cam­bridge waren es gut 75 km, immer über die Hügel bei mun­te­rem Gegen­wind. Die größ­te Schwie­rig­keit war dabei, sich über die nur man­gel­haft aus­ge­schil­der­ten Neben­stra­ßen hügel­auf hüge­lab zu navi­gie­ren. Hier zeig­te sich, was gutes Mate­ri­al aus­macht: den Unter­schied zwi­schen Anstren­gung und Quälerei.

Im „Chur­ch­yard“ der Dorf­kir­che von Hit­cham mach­ten wir Mit­tags­pau­se. Und ohne es zu wis­sen, waren wir an der Kir­che von John Ste­vens Hen­slow gelan­det. Und falls die­ser Name jetzt auch unbe­kannt sein mag, einer sei­ner Schü­ler ist es dafür umso mehr: er emp­fahl einem gewis­sen Charles Dar­win, sei­nem Mus­ter­schü­ler, doch die Rei­se mit der HMS Bea­gle anzu­tre­ten, da er ihn wie kei­nen zwei­ten auf­grund sei­nes „schar­fen Ver­stands“ für geeig­net hielt, unter­wegs For­schun­gen zu betrei­ben, die die Natur­wis­sen­schaf­ten vor­an­brin­gen könn­ten. Die Ergeb­nis­se die­se Schü­lers waren bahn­bre­chend und sind trotz ihrer zwin­gen­den Logik und Ein­sicht in die Evo­lu­ti­on auch heut­zu­ta­ge zahl­rei­chen Mit­men­schen in ihrer Bedeu­tung nicht ver­ständ­lich zu machen.

Hen­slow selbst war neben sei­ner Tätig­keit als Bota­ni­ker und Pro­fes­sor in Cam­bridge aber auch ein Phil­an­throp. Er grün­de­te mit eige­nem Geld die Schu­le in Hit­cham, um den Bau­ern, die damals von der Bil­dung aus­ge­schlos­sen waren, Lesen, Schrei­ben und Rech­nen bei­zu­brin­gen – auch um die Fort­schrit­te in der Land­wirt­schaft umset­zen zu können.

Ver­kehr

Die Stra­ßen in Eng­land sind auf dem Land recht gut, in den Städ­ten meist grau­en­haft. Knö­chel­tie­fe Löcher zie­ren dort den Stra­ßen­rand, also den Bereich, in dem man gewöhn­lich radelt. Eine rühm­li­che Aus­nah­me bil­det Cam­bridge, das sich der För­de­rung des Fahr­rad­ver­kehrs ver­schrie­ben hat. Mit Erfolg. Es gibt dort zahl­rei­che „Cycle Lanes“, die man sonst ver­geb­lich sucht. Lon­don ist für Rad­fah­rer der rei­ne Selbst­mord – außer zwi­schen Mit­ter­nacht und Morgengrauen.

Wer mit Kin­dern fährt, soll­te sie daher nicht allei­ne fah­ren las­sen. Abge­se­hen davon sind die Stre­cken wegen der hüge­li­gen Land­schaft auch kon­di­tio­nell recht anspruchs­voll. Wir haben unse­re klei­nen Leu­te daher auf das Tan­demmei­ner Frau gepackt oder mit dem Trets gezo­gen. Dann las­sen sich auch Stre­cken von 60 km bewäl­ti­gen ohne dass es in stump­fes Kur­beln ausartet.

Motor­ways sind selbst­re­dend für Fahr­rä­der ver­bo­ten, aber auch die „A-Rou­tes“ (ent­spre­chen den Bun­des­stra­ßen) soll­te man mei­den, da dort der gesam­te Last­wa­gen-Ver­kehr abge­wi­ckelt wird. Die Neben­stra­ßen dage­gen sind meist ruhig und die bri­ti­schen Auto­fah­rer sehr höf­lich und vorsichtig.

In Cam­bridge Abends erleb­ten wir dann zunächst eine Ent­täu­schung, als der Cam­ping­platz in Cher­ry Hin­ton, der sich im Inter­net noch groß­spu­rig als Zelt­platz ange­prie­sen hat­te, gar kei­ne Zel­te auf­nahm. Soll­te man also mei­den. Umso bes­ser war dann der Zelt­platz der CCC (sie­he Kas­ten rechts) in Gre­at Shel­ford süd­öst­lich von Cam­bridge: eine rie­si­ge Wie­se, ein­ge­säumt mit Brom­beer­he­cken und Kanin­chen, die sich um den Rasen küm­mer­ten. Wir beschlos­sen daher, den Zelt­platz zu unse­rem Basis­la­ger zu machen, Cam­bridge einen Tag zu gön­nen, dann einen Abste­cher nach Ely zu unter­neh­men und auf dem Weg nach Lon­don wie­der hier Sta­ti­on zu machen.

Zeit also, sich über die Gestal­tung des kom­men­den Tages Gedan­ken zu machen, wäh­rend das Abend­essen auf dem Ben­zin­ko­cher brodelte.

Cambridge

Der nächs­te Mor­gen war kühl, aber mit strah­lend blau­em Him­mel. Die opti­ma­le Ein­stim­mung auf eine der ehr­wür­digs­ten Uni­ver­si­täts­städ­te Eng­lands also – und eine der ältes­ten der Welt noch dazu. Dazu konn­ten wir unse­re Sachen auf dem Zelt­platz zurück las­sen und mit unbe­schwer­ten Rädern in die Stadt fahren.

Schon lan­ge vor der Grün­dung des ers­ten Col­le­ges am Ufer der Cam war die klei­ne Stadt Cam­bridge ein wich­ti­ger Han­dels­kno­ten­punkt, da hier der schiff­ba­re Teil der Cam ende­te, den man mit den Bar­ken („Punt“) errei­chen konn­te, ande­rer­seits aber hier der Land­weg zwi­schen Essex und Ches­ter kreuz­te. Daher bau­te man auch schon in römi­scher Zeit eine Brü­cke, die der Stadt den Namen gab. Der eigent­li­che Auf­schwung und die heu­ti­ge Berühmt­heit erreich­te der Ort jedoch erst mit der Grün­dung der Uni­ver­si­tät, die aus einem Streit unter den Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren der älte­ren Uni­ver­si­tät Oxford ent­stand. Das ers­te Col­le­ge wur­de zwar vom Bischof von Ely gegrün­det, jedoch schon kurz dar­auf ließ König Edward II. die gro­ße King‘s Hall errich­ten mit dem für dama­li­ge (und auch noch lan­ge danach) bei­na­he revo­lu­tio­nä­rem Ansatz, auch Schü­lern ärme­rer Her­kunft eine Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung zukom­men zu las­sen – nicht ganz ohne Hin­ter­ge­dan­ken, denn er benö­tig­te Verwaltungsbeamte.

Die King’s Hall, vom Glo­cken­turm der St. Mary aus gese­hen. Die­ser Glo­cken­turm gilt auch als Ursprung jenes berühm­ten Glo­cken­klangs, der heu­te vom Big Ben in Lon­don gespielt wird. Er wur­de hier von Stu­den­ten erfunden.

Da der König und vie­le Col­le­ge­grün­der nach ihm eben­so ihre Col­le­ges zunächst in einem Halb­kreis um die Stadt­mit­te an den weit­läu­fi­gen Ufer­wie­sen der Cam anleg­ten, ist die Uni­ver­si­tät zu einem beherr­schen­den Teil des Stadt­bilds gewor­den. Vom Turm der Kir­che St. Mary aus hat man einen beson­ders guten Blick auf die gesam­te Alt­stadt, von der die Col­le­ges fast die Hälf­te des Pan­ora­mas einnehmen.

Immer noch ist die Cam ein behä­big dahin flie­ßen­der klei­ner Fluss, des­sen frü­her sump­fi­ges Umland mitt­ler­wei­le tro­cken gelegt ist, und auf dem sich nur mit den „Punts“ sta­ken lässt. Hier ver­die­nen sich auch man­che Stu­den­ten ein Taschen­geld dazu, indem sie wie Vene­zia­ni­sche Gon­do­lie­re auf den fla­chen Bar­ken ste­hend die Tou­ris­ten ein­mal im Halb­kreis um die Col­le­ges schip­pern. Man kann es aber auch selbst ver­su­chen. Und das lie­ßen wir uns natür­lich nicht neh­men: gar nicht so ein­fach, eine drei Meter lan­ge schwe­re Holz­stan­ge aus dem Was­ser zu zie­hen, ein­zu­tau­chen, vom Boden abzu­drü­cken und dann beim lang­sa­men her­aus­zie­hen den Nachen zu len­ken. Lang­sam und gemüt­lich ist es aber. Und da das Was­ser nicht beson­ders tief ist, kann man sich höchs­tens zum Gespött der Zuschau­er machen, wenn man das Gleich­ge­wicht verliert …

Eine wei­te­re für mich erstaun­li­che Ent­de­ckung mach­ten wir in Cam­bridge: der Umgang der Bri­ten mit ihrer Reli­gi­on ist ein gewis­ser Prag­ma­tis­mus. Nach­dem König Hein­rich VIII. (der mit den sie­ben Frau­en) alle kirch­li­chen Besitz­tü­mer ein­ge­zo­gen und an sei­ne ade­li­gen Günst­lin­ge ver­teilt hat­te, sowie sich zum „Ver­tei­di­ger des Glau­bens“ gegen den Papst gestellt hat­te – den Titel hat­te ihm noch der Papst ver­lie­hen –, war die Spal­tung von der römisch-katho­li­schen Kir­che Fak­tum. Die­se soll­te auch kei­nen Fuß mehr auf eng­li­sches Gebiet set­zen dür­fen und war als Macht­fak­tor in Eng­land damit nicht mehr rele­vant. Lei­der aber hat dies auch dazu geführt, dass die Kir­chen auf die Unter­stüt­zung der welt­li­chen Herr­scher ange­wie­sen waren, die die­se frei von mora­li­schen Erwä­gun­gen immer spär­li­cher ver­teil­ten. Kir­chen in Eng­land müs­sen sich heu­te selbst die Gel­der erwirt­schaf­ten, die sie zum Unter­halt benö­ti­gen. So auch St. Mary in Cam­bridge. Daher beka­men wir beim Bezah­len des Auf­stiegs zum Glo­cken­turm der Kir­che auch gleich eine Rabatt­mar­ke für ein nahe gele­ge­nes Café – das sich in einer ande­ren Kir­che befand. Man hat­te dazu das Kir­chen­schiff hal­biert und wäh­rend im hin­te­ren Teil noch Got­tes­diens­te statt­fin­den, sitzt man im vor­de­ren Teil auf der Empo­re und schlürft Cappucino.

Ely und zurück

Dabei tut man dem Ort gro­ßes Unrecht. Zwar scheint es bewuss­te Poli­tik des dor­ti­gen Magis­trats zu sein, mög­lichst bedeu­tungs­los zu erschei­nen, aber das macht das Städt­chen nur umso mehr zu einem Geheim­tipp für alle, die sich das Umland von Cam­bridge näher anschau­en möch­ten: Ely besitzt näm­lich die wohl schöns­te Kathe­dra­le in East Anglia.

Auch ist – viel­leicht auf­grund des nicht for­cier­ten Tou­ris­mus – die klei­ne Stadt abseits der tou­ris­ti­schen Zie­le für einen Mas­sen­tou­ris­mus (wie ihn Cam­bridge erlebt) unge­eig­net. Zuerst aber zur Anfahrt.

Wir muss­ten näm­lich ein­mal quer durch Cam­bridge, um von Shel­ford durch die Innen­stadt von Cam­bridge über Land­be­ach nach Ely zu kom­men. Zwar gibt es einen offi­zi­el­len Rad­weg von Cam­bridge nach Ely (es sind nur etwa 10 Mei­len), der aber führt ent­lang der viel befah­re­nen A10 auf einem alten Fuß­weg, der nicht nur in sehr schlech­tem Zustand ist, son­dern auch für das Gespann mit Trets ein­deu­tig zu schmal. Glück­li­cher­wei­se kann man sich durchs Hin­ter­land mogeln, ruhi­ge Neben­stra­ßen benut­zend, die oft mit Pflau­men­bäu­men als Grund­stücks­gren­zen ver­se­hen sind.

Zelt­plät­ze

Die Zelt­plät­ze sind gut, vor allem die­je­ni­gen des Cam­ping and Cara­van­ning Club, der ein Netz von gro­ßen und gut gepfleg­ten Zelt­plät­zen zu mode­ra­ten Prei­sen unter­hält. Die­se soll­te man sich schon bei der Rei­se­pla­nung als Etap­pen­zie­le aus­su­chen. Außer­dem haben die meis­ten Zelt­plät­ze einen klei­nen Shop, wo man sich mor­gens die fri­sche Milch holen kann.

Da Cam­ping­platz­be­sit­zer für Zel­te und Wohn­wa­gen/-mobi­le eine jeweils eige­ne Zulas­sung benö­ti­gen, haben die meis­ten pri­va­ten Eig­ner auch auf Ers­te­res ver­zich­tet – die Zelt­ler sind nicht zahl­reich genug und blei­ben meist auch nur zu kurz. Falls auf der Rou­te kein Zelt­platz des CCC zu fin­den ist, soll­te man vor­her anru­fen, sonst steht man vor ver­schlos­se­nen Toren. Und Bri­ten sind da sehr genau. Es gibt übri­gens kei­ne eige­ne Preis­ka­te­go­rie für Radler.

Gera­de im ehe­mals sump­fi­gen Gelän­de um die Stadt der Aale (der Name Ely stammt von »City of the Eels«) wur­de uns vor Augen geführt, wie man in Mit­tel­eu­ro­pa mitt­ler­wei­le die Land­schaft zer­stört hat und Tie­ren ihren natür­li­chen Lebens­raum. Wo hier­zu­lan­de die Agrar­in­dus­trie (Der Begriff Land­wirt­schaft ist ein Euphe­mis­mus, denn es geht letzt­end­lich nicht um die Bewirt­schaf­tung von Land, son­dern um die Aus­beu­tung der Natur) noch die letz­ten Qua­drat­me­ter poten­zi­el­len Acker­lands mit Dün­ge­mit­teln und Pes­ti­zi­den ver­seucht, Kühe nur noch im Stall leben dür­fen, damit sie mehr Milch geben und Tie­re nur nach Schäd­lin­gen und Nah­rungs­mit­tel klas­si­fi­ziert wer­den, ste­hen dort schier end­lo­se Hecken aus Brom­bee­re, Mira­bel­len und Pflau­men, Hart­rie­gel und Holun­der an den Stra­ßen­rän­dern. Sie die­nen den Vögeln und Insek­ten als Rück­zugs­ge­bie­te und Nah­rungs­grund­la­ge und bie­ten Schutz vor Fress­fein­den. Nicht nur ein­mal rann­te plötz­lich auf den Neben­stra­ßen ein gan­zer Trupp Reb­hüh­ner über die Fahr­bahn in der irri­gen Annah­me, wir wür­den sie essen wollen.

Die­se Rück­zugs­ge­bie­te gibt es in Deutsch­land kaum noch, höchs­tens in der Nähe von Städ­ten, wo sich umwelt­be­wuss­te Mit­men­schen einen natur­na­hen Gar­ten leis­ten kön­nen und wol­len. Scha­de. Könn­ten wir doch viel von einem funk­tio­nie­ren­den Öko­sys­tem lernen.

Nun aber Ely: aus erst vor 200 Jah­ren mehr oder weni­ger tro­cken geleg­ten Sümp­fen rag­te plötz­lich die auf einem Hügel lie­gen­de Kathe­dra­le auf wie ein Leucht­turm. Sie muss­te im Mit­tel­al­ter ein enor­mer Anzie­hungs­punkt gewe­sen sein, zu einer Zeit, als Cam­bridge noch ein klei­nes Uni­ver­si­täts­städt­chen und ein Han­dels­kno­ten war. Die welt­li­che Macht saß in Cam­bridge, wo auch der Bischof von Ely das ers­te Col­le­ge grün­de­te, und die kirch­li­che Macht saß in Ely. Davon zeugt die Kathedrale.

Die Kathe­dra­le von Ely

Dass dies aber bei der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung nicht unbe­dingt als ein Posi­ti­vum gewer­tet wur­de, kann man an den Zer­stö­run­gen erken­nen, die man der Ein­rich­tung im 16. Jahr­hun­dert bei­brach­te: allen Hei­li­gen­por­traits wur­den die Köp­fe her­aus­ge­schla­gen un der gesam­te Kir­chen­schatz geplün­dert. Aus heu­ti­ger Sicht aber ist das nicht von Nach­teil, denn durch den Anse­hens- und Ver­mö­gens­ver­lust wur­de die Kathe­dra­le auch von spä­te­ren Geschmack­lo­sig­kei­ten ver­schont, wie sie bei­spiels­wei­se in West­mins­ter Abbey zu fin­den sind, wo sich Jeder halb­wegs bekann­te Bri­te eine Grab­plat­te gestif­tet hat und die Kir­che mehr zu einem Prof­an­bau gewor­den ist.

Die Kathe­dra­le in Ely aller­dings hat bis auf den heu­ti­gen Tag erheb­li­che finan­zi­el­le Sor­gen und wirkt immer noch so kahl, wie man sich eine goti­sche Kathe­dra­le vor­stellt. Daher ver­fügt sie auch über eine bemer­kens­wer­te Akus­tik, die sogar nam­haf­te Chö­re aus ganz Eng­land ver­an­lasst, dort Kon­zer­te zu geben. Wer in Ely vor­bei­schaut, soll­te sich also unbe­dingt den Ver­an­stal­tungs­ka­len­der zu Gemü­te füh­ren. Es lohnt sich.

Die Kathe­dra­le ist jedoch nicht der ein­zi­ge Grund nach Ely zu fah­ren, denn der Ort hat neben der kir­chen­ge­schicht­li­chen Bedeu­tung auch ein klas­si­sches eng­li­sches Wohn­haus des geho­be­nen Bür­ger­tums zu bie­ten: das Wohn­haus von Oli­ver Crom­well. Sei­ne Rol­le in der bri­ti­schen Geschich­te ist recht ambi­va­lent, und so wird er auch in Ely als genia­ler, aber umstrit­te­ner Mensch beschrie­ben. So gehör­te er zwar zu den­je­ni­gen, die die repu­bli­ka­ni­sche Gesin­nung des eng­li­schen Bür­ger­tums gegen den Adel und einen starr­sin­ni­gen Charles I. durch­setz­te, ande­rer­seits aber auch als gewalt­be­rei­ter Dik­ta­tor, der nicht nur die Iren unter­drück­te, son­dern auch den König hin­rich­ten ließ, um „kla­re Ver­hält­nis­se“ zu schaf­fen. Auf ihn geht auch der Begriff des „Com­mon­wealth“ für die bri­ti­schen Herr­schafts­ge­bie­te zurück, denen er als „Lord­sie­gel­ver­wal­ter“ vor­stand. In gewis­sen Ansät­zen nahm er damit die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on vor­weg, indem der König und Ober­haus (Adel) kur­zer­hand abschaff­te. Aber auch ihm wur­de es nicht gedankt: Nach sei­ner prunk­vol­len Bei­set­zung 1658 grub man sei­ne Lei­che zwei Jah­re spä­ter wie­der aus, um ihr – nun wie­der unter könig­li­cher Herr­schaft und dem Pri­mat des Adels ste­hend – post­hum den Kopf abzu­schla­gen (zu den Hin­ter­grün­den des Köp­fens, sie­he auch hier).

Die­ser kur­ze Aus­flug in die knap­pe repu­bli­ka­ni­sche Geschich­te Groß­bri­tan­ni­ens ende­te damit so blu­tig, wie er begon­nen hatte.

Wir hat­ten aller­dings das Aus­maß der Ver­schla­fen­heit in Ely so nicht ein­ge­schätzt, denn es fin­det sich in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Städt­chen kein Zelt­platz, so dass wir Abends noch ein gan­zes Stück ent­lang der A10 nach Litt­le Thet­ford zurück­fah­ren muss­ten, um einen klei­nen, aber recht lau­ten (da an der A10 lie­gend) Zelt­platz zu fin­den, der auch mit Kin­dern belegt wer­den darf. Glück­li­cher­wei­se aber liegt direkt gegen­über schon die Abzwei­gung in eine ruhi­ge Neben­stra­ße, auf die wir uns für den Rück­weg nach Cam­bridge freuten.

Der Rest Bri­tan­ni­ens ist zur Wild­schwein­jagd da“ hät­te es bei Aste­rix gehei­ßen, wenn es um das Ver­hält­nis zwi­schen Lon­don und den bri­ti­schen Inseln geht. Das gilt auch heu­te noch, wenn auch die Wild­schwei­ne mitt­ler­wei­le den Reb­hüh­nern Platz machen muss­ten. Nichts­des­to­trotz muss­ten wir fast unaus­weich­lich nach dem doch eher beschau­li­chen Aus­flug in die bri­ti­sche Pro­vinz das nächs­te gro­ße Ziel auf unse­rer Rou­te ins Auge fas­sen: Wir woll­ten nach Lon­dinum, einer der erstaun­lichs­ten Städ­te des Universums.

Von Cambridge nach Hertford

Der Weg von Cam­bridge nach Lon­don gleicht einer Fahrt aus der Idyl­le beschau­li­chen Land­le­bens in einen gewal­ti­gen Mahl­strom. Aber soweit waren wir noch lan­ge nicht, denn zunächst führ­te uns die Rou­te von Litt­le Thet­ford nach Cam­bridge, wo wir einen ruhi­gen Nach­mit­tag ver­brach­ten und die Kin­der end­lich aus­gie­big auf dem weit­läu­fi­gen Cam­ping­platz spie­len konn­ten. Da Johan­na uns Erwach­se­ne auch in die Fein­hei­ten der Judo­rol­le ein­führ­te, war uns die Auf­merk­sam­keit der übri­gen Cam­per sicher…

Am fol­gen­den Tag bra­chen wir wie gewohnt am spä­ten Vor­mit­tag auf (es dau­ert ein­fach, bis die Zel­te genü­gend getrock­net sind, die Kla­mot­ten und Schlaf­sä­cke ver­staut und die Kin­der rei­se­fer­tig sind).

Kar­ten­ma­te­ri­al

Kar­ten­ma­te­ri­al ist nicht ein­fach zu bekom­men, vor allem im Vor­feld. Da in Eng­land Fahr­rä­der vor­nehm­lich als Frei­zeit­ar­ti­kel und nicht als Trans­port­mit­tel gese­hen wer­den, sind die Tou­ren in den loka­len Rad­rei­se­kar­ten auch ent­spre­chend kurz. Es emp­fiehlt sich daher, vor Ort Auto­kar­ten mit einer Auf­lö­sung von ca. 1:200.000 zu besor­gen. Wir hat­ten den „Regio­nal Road Atlas East Anglia“ und dazu einen klei­nen Geschichts­füh­rer, um die Rou­te zu pla­nen. Vor Ort gibt es oft zahl­rei­che Infor­ma­tio­nen und auch die Ein­hei­mi­schen sind meist durch­aus kommunikationsfreudig.

Wir hiel­ten uns süd­lich nach Hertford, dem Ziel der heu­ti­gen Etap­pe. Da an Cam­bridge der Motor­way 11 (M11) vor­bei­führt, sind die Neben­stra­ßen rela­tiv ruhig, so dass die Fahrt bis Mit­tag trotz der Nähe von Lon­don und der zuneh­men­den Besied­lungs­dich­te ange­nehm bleb und wir aus­ge­ruht an Aud­ley End vor­bei kamen und uns dort einen Abste­cher leisteten.

Aud­ley End ist ein alter Her­ren­sitz, der seit der Stein­zeit besie­delt war. Zunächst auf dem nahe lie­gen­den Hügel, auf dem noch die Res­te des Ring­walls um die Sied­lung aus der spä­ten Stein­zeit zu sehen sind, wur­de das sanf­te Tal im Mit­tel­al­ter zu einem Klos­ter­ge­län­de, das dann – wie vie­le Klös­ter Eng­lands – von Hein­rich VIII auf­ge­löst und an sei­ne Spet­zeln und Günst­lin­ge ver­teilt wur­de. Bemer­kens­wert an Aud­ley End ist jedoch, dass die­sen Sitzaus­ge­rech­net jener hoch­ran­gi­ge Staats­be­diens­te­te zuge­spro­chen bekam, der Hein­rich VIII gegen den Papst juris­tisch beriet. Heut­zu­ta­ge wür­de man Sir Tho­mas Aud­ley einen Schei­dungs­an­walt für Pro­mi­nen­te nen­nen. Auf jeden Fall konn­te man damit bereits damals reich und berühmt wer­den. Sein Haus jeden­falls ließ er zu einem der präch­tigs­ten und größ­ten Land­sit­ze ausbauen.

Aud­ley End House

Ganz so groß blieb es aber nicht. Im Gegen­teil, das Anwe­sen wech­sel­te schon ob des kost­spie­li­gen Unter­halts mehr­mals den Besit­zer, wur­de mehr­mals umge­baut und an den Geschmack der Zeit ange­passt, bis es schließ­lich im letz­ten Jahr­hun­dert in Staats­be­sitz über­ging (Par­al­le­len zu Sozia­li­sie­rung pri­va­ter Schul­den in der Geschich­te bie­ten sich hier an, sol­len aber nicht wei­ter ver­folgt wer­den). Der bri­ti­sche Staat nutz­te den Besitz zur Schu­lung pol­ni­scher Offi­zie­re wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs und über­ließ das gesam­te Anwe­sen dann der Stif­tung „English Heri­ta­ge“, die sich auch um ande­re bedeu­ten­de his­to­ri­sche Anwe­sen aus allen Epo­chen der eng­li­schen Geschich­te kümmert.

Das Haus selbst darf gegen gutes Geld besich­tigt wer­den und zeigt Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de aus den letz­ten 500 Jah­ren, die die Bewoh­ner des Hau­ses so ansam­mel­ten: von aus­ge­stopf­ten Mar­dern bis zu ita­lie­ni­schen Renais­sance­tru­hen lässt sich alles bewun­dern. Die Kin­der fas­zi­nier­te jedoch immer die Ein­rich­tung der Zim­mer in den unter­schied­li­chen Epo­chen von Tudor bis Viktorianisch.

Wie es bei uns immer üblich ist, wur­de der Besuch dann doch län­ger als ursprüng­lich ver­mu­tet und geplant, so dass wir uns erst gegen 16:00 auf den Weg nach Hertford mach­ten – wie­der über die Hügel nach Hertfordshire. Hier wur­den die Löcher in der Stra­ße zahl­rei­cher und tie­fer, vor allem an den Stra­ßen­rän­dern, die von uns Rad­lern ja bevor­zug­tes Rück­zugs­ge­biet sind. Auch in Hertford schlu­gen wir unse­re Zel­te auf einem Cam­ping­platz der CCC auf, der ähn­lich groß war, aller­dings wegen der schnell her­ein­bre­chen­den Dun­kel­heit und ein­set­zen­den Nie­sel­re­gens von den Kin­dern nicht genau­er unter­sucht wurde.

Von Hertford nach London

Für die Anfahrt nach Lon­don hat­te sich Corin­na eine Beson­der­heit aus­ge­dacht: wir woll­ten ent­lang des Lee, der in Lon­don in die Them­se mün­det. Frü­her ein ver­sumpf­ter Fluss, der in der Indus­tria­li­sie­rung als Schif­fahrts­weg genutzt und bis Hertford fluss­auf­wärts befahr­bar gemacht wur­de, sind sei­ne Ufer heu­te Nah­erho­lungs­ge­biet. Für uns bedeu­te­te das: kei­ne Hügel und kein Ver­kehr bis nach London.

Unter­wegs gab es trotz­dem etwas zu sehen, denn auch am Lee lie­gen die bri­ti­schen Haus­boo­te, deren Bewoh­ner sich eine schwim­men­de Unter­kunft ent­we­der leis­ten kön­nen oder leis­ten müs­sen, denn die Grund­stücks­prei­se im Groß­raum Lon­don sind astro­no­misch. Um mit so einem Haus­boot aber über­haupt die 30 Meter Höhen­un­ter­schied bis Hertford bewäl­ti­gen zu kön­nen, bau­te man vor 150 Jah­ren dort 11 Schleu­sen, die von Hand zu bedie­nen sind. Für die Skip­per bedeu­tet das: anle­gen, aus­stei­gen, Schleu­se auf, Boot hin­ein, Schleu­se zu, Flu­ten oder Lee­ren, Schleu­se wie­der auf, Boot raus, ein­stei­gen und dann mit unge­fähr 15 Mei­len am Tag wei­ter­tu­ckern. Gemüt­lich. Je wei­ter die Boo­te aller­dings von Lon­don ent­fernt fest­ge­macht waren und ihren Bewoh­nern als Behau­sung dien­ten, des­to mehr erin­ner­ten sie an den See­len­ver­käu­fer aus Wer­ner Her­zogs „Nos­fe­ra­tu“, der in Ams­ter­dam anlegt.

In Lon­don muss­ten wir, da es dort kei­nen Cam­ping­platz gibt, in einem Hotel über­nach­ten, das Corin­na aus Deutsch­land gebucht hat­te. Dazu jedoch ver­lie­ßen wir das Tal des Lee und quer­ten Lon­don im Nor­den. Ich hat­te nie gewusst, wie hüge­lig das Land im Nor­den der Haupt­stadt ist, vor allem, wenn man nicht stadt­ein­wärts radelt, son­dern ruhi­ge­re Neben­stra­ßen sucht, um vom Fluss­ufer nach High­ga­te zu gelan­gen. Zwar lie­gen Groß­stadt-typi­sche Parks und Anla­gen dazwi­schen, aber das Stra­ßen­ge­wirr erleich­tert die Navi­ga­ti­on nicht gerade.

Der Lee an einer der Schleusen.