Nach­dem sich der ers­te Teil damit beschäf­tigt hat­te, was Web-Appli­ka­tio­nen sind (oder sein kön­nen), sol­len in den nun fol­gen­den Abschnit­ten eini­ge jener Appli­ka­tio­nen näher beleuch­tet wer­den. Zunächst aber soll­te eine ein­fa­che Unter­schei­dung erfol­gen, und zwar nach der Rich­tung „aus dem Inter­net“ und „hin­ein ins Inter­net“. Was bedeu­tet das?

Raus …

Auch wenn sich die­se Unter­schei­dung merk­wür­dig anhört, so ist sie für die fol­gen­den Abschnit­te aus­sa­ge­kräf­tig genug. Es gibt Web-Appli­ka­tio­nen, die haupt­säch­lich im Inter­net exis­tie­ren, sie brau­chen kei­ne Soft­ware auf dem Rech­ner um zu funk­tio­nie­ren und stam­men meist von Unter­neh­men, die gar kei­ne Pro­gram­me für ein Betriebs­sys­tem her­stel­len. Sie leben im Netz. Dazu zählt bei­spiels­wei­se Goo­g­les Text & Tabel­len. Auch wenn die Pres­se in hel­le Auf­re­gung geriet, als Goog­le im letz­ten Herbst ein eige­nes Betriebs­sys­tem ankün­dig­te, so erweist sich dies – Grund­kennt­nis­se vor­aus­ge­setzt – mit­nich­ten um ein „Betriebs­sys­tem“, also eine Kis­te vol­ler Pro­gramm­rou­ti­nen, die zwi­schen Appli­ka­tio­nen und der Hard­ware ver­mit­teln, son­dern als ein Brow­ser, der alle Regis­ter zieht, die ihm das Betriebs­sys­tem zur Ver­fü­gung stellt. Dabei lau­fen alle Pro­gram­me im Brow­ser und damit im Inter­net auf einem ent­fern­ten Ser­ver. Selbst die erstell­ten Doku­men­te lie­gen dort. Der PC ist nur noch ein Ein- und Aus­ga­be­ge­rät, die „elek­tro­ni­sche Daten­ver­ar­bei­tung“ fin­det woan­ders statt.

Mitt­ler­wei­le gibt es zahl­rei­che klei­ne Web-Appli­ka­tio­nen, die genau dies auch anbie­ten: von der Buch­hal­tung über Pro­jekt­ma­nage­ment bis hin zum „Schuh­kar­ton“ für Bil­der: Sind die Daten erst ein­mal auf dem Ser­ver, kön­nen sie dort ver­scho­ben, geän­dert, kom­men­tiert, ver­schickt oder gelöscht wer­den, auch wenn das loka­le Pen­dant schon lan­ge nicht mehr existiert.

Im Brow­ser bei der Erstel­lung einer Prä­sen­ta­ti­on auf die Farb­sche­ma­ta von Kuler zuzu­grei­fen, ver­bes­sert die Kon­sis­tenz des Erscheinungsbildes.

…  oder rein

Auf der ande­ren Sei­te ste­hen Web-Appli­ka­tio­nen, die ein star­ke Ver­an­ke­rung in bereits bestehen­de Schreib­tisch­rech­ner-Pro­gram­me besit­zen. Für sie ist das Inter­net eine Erwei­te­rung – meist um die zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten, die das Inter­net als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz nutzt. Das Inter­net als eine Art Tele­fon­schnitt­stel­le, um an Infor­ma­tio­nen her­an­zu­kom­men (und die­se auch bereit zu stel­len) und wie­der in die lokal gela­ger­ten Daten ein­zu­bau­en. Zur Bear­bei­tung im Inter­net eig­nen sich die­se Web-Appli­ka­tio­nen nur begrenzt. Zu die­ser Kate­go­rie zählt bei­spiels­wei­se acrobat.com von Ado­be, das bezeich­nen­der­wei­se den sel­ben Namen wie das gro­ße Pro­gramm trägt, aber auch klei­ne­re Sei­ten wieiWork.com von Apple oder Office Live von Micro­soft. Sie fal­len unter „rein“ und sol­len die Zusam­men­ar­beit räum­lich getrenn­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner ver­bes­sern. Dazu wird das Doku­ment meist lokal mit einem Pro­gramm erstellt, bevor es zum Kom­men­tie­ren an die Part­ner auf den Ser­ver gela­den wird. Danach wird es dann wie­der lokal gespei­chert und fer­tig gestellt.

Manch­mal bie­ten die­se Pro­gram­me auch beschränk­te Mög­lich­kei­ten, direkt im Inter­net Tex­te oder Tabel­len zu erstel­len, aber im Ver­gleich zu ihren lokal instal­lier­ten gro­ßen Geschwis­tern ist dies doch recht begrenzt.

Acrobat.com

Aus der Kate­go­rie „rein“ stammt die von Ado­be ins Leben geru­fe­ne und teil­wei­se als Spiel­wie­se für die eige­ne Script­ing-Platt­form Flash und Flex benutz­te Web­site acrobat.com. Sie bie­tet dem Benut­zer vier Grund­funk­tio­nen: die Online-Erstel­lung von PDF (kos­ten­los aller­dings nur sehr begrenzt nutz­bar), Daten­aus­tausch und -spei­che­rung (letz­te­res kos­ten­los nur begrenzt nutz­bar), Inter­net­kon­fe­renz (über den „Ado­be Connect“-Dienst) und eine rudi­men­tä­re Erstel­lung und Bear­bei­tung ein­fa­cher Office-Doku­men­te wie Tex­te, Tabel­len und Prä­sen­ta­tio­nen. Die Web­site ist seit Ver­las­sen des Beta-Sta­di­ums im letz­ten Herbst ganz klar für die Zusam­men­ar­beit kon­zi­piert – Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Benut­zern von Ado­be-Pro­duk­ten natürlich.

Die­se Funk­tio­nen beherrscht sie her­vor­ra­gend. Ver­ständ­lich, dass die Bereit­stel­lung eines Onl­ne-PDF-Kon­ver­ters sich zwar nett anhört, aber eigent­lich ziem­lich sinn­los ist, da die meis­ten Kun­den von Ado­be den Ado­be Acro­bat in einer „Pro“-Version bereits auf ihrem Rech­ner haben und dort weit­aus mehr aus ihm her­aus­ho­len können.

Ange­neh­mer und ziel­füh­ren­der ist da schon der Doku­men­taus­tausch, auch wenn das Volu­men auf 5 GB begrenzt ist (und nicht erwei­ter­bar wie bei der Kon­kur­renz). Für ein gemein­sa­mes Pro­jekt soll­te dies aber genü­gen, denn als Archi­vie­rungs­lauf­werk will Ado­be sei­ne Ser­ver nicht miss­braucht sehen, immer­hin ist es ja kos­ten­los. Prin­zi­pi­ell las­sen sich alle Doku­men­te auf den Ser­ver laden, die der Kom­mu­ni­ka­ti­on die­nen, nicht erlaubt sind Sys­tem­da­tei­en und Appli­ka­tio­nen, Scripts, Audio und Video­for­ma­te, die einen Kopier­schutz ent­hal­ten könn­ten und Schrif­ten, für die das Glei­che gilt. Der Vor­teil des Aus­tauschs ist banal: statt an meh­re­re Benut­zer eine E-Mail mit Attach­ment zu schi­cken, was die Zahl der Kopi­en erhöht, die Ver­wir­rung ver­grö­ßern kann und die Ser­ver belas­tet, wird das Doku­ment auf den Ser­ver kopiert und die Benut­zer erhal­ten nur einen Link. Sie benö­ti­gen dazu kei­nen eige­nen Ado­be-Account sofern das Doku­ment offen ist, also „unge­schützt“ auf dem Ser­ver liegt. Für einen benut­zer­ge­steu­er­ten Daten­aus­tausch aber muss man sich kos­ten­los registrieren.

Praktisch

Die­ser Dreh aber ist ein ganz beson­de­res Fea­ture für Nut­zer der Ver­sio­nen 8 und 9 des Ado­be Acro­bat: die PDF ist der Con­tai­ner für Kom­men­ta­re, Kor­rek­tu­ren, Ergän­zun­gen und Versionierung.

Zum Bei­spiel so: Eine PDF, mit Frame­ma­ker 9 erstellt, wird auf den Ser­ver kopiert und für die Bear­bei­tung durch bestimm­te Benut­zer frei­ge­ge­ben, direkt aus Acro­bat her­aus. Die­se laden sich eine loka­le Kopie her­un­ter, ver­se­hen sie mit ihren Kom­men­ta­ren und glei­chen die­se dann mit der Datei auf dem Ser­ver ab, Dabei erhal­ten sie gleich­zei­tig die vor­lie­gen­den Kom­men­ta­re der ande­ren Benut­zer. Zu einem vom ursprüng­li­chen Erstel­ler fest­ge­leg­ten Zeit­punkt wird die­ser Abgleich unter­bun­den und der Besit­zer kann sich die PDF wie­der holen. Mit Frame­ma­ker 9 kann er (sofern er die Datei nicht in der Zwi­schen­zeit geän­dert hat) die Kom­men­ta­re direkt in sein Frame­ma­ker-Doku­ment holen und dort anneh­men, ver­wer­fen oder bear­bei­ten. (Dies funk­tio­niert zwar mit jedem Ser­ver, aller­dings müs­sen dort die Zugriffs­be­rech­ti­gun­gen sepa­rat ange­legt und ver­wal­tet werden.)

Das zwei­te High­light ist die Ein­bet­tung von Ado­be Con­nect­Now, eine Inter­net-Mee­ting-Appli­ka­ti­on auf Flash-Basis, die bei­spiels­wei­se für Webi­na­re (bei mehr als 3 Teil­neh­mern „Con­nect Pro“ kos­ten­pflich­tig) und Schu­lun­gen ein­ge­setzt wer­den kann, indem man den Com­pu­ter des Gegen­übers über­nimmt (nach des­sen Ein­wil­li­gung) und fern­steu­ert oder auch die eige­ne Video­ka­me­ra mit­lau­fen lässt. Die Qua­li­tät ist aller­dings durch­schnitt­lich und setzt eine sehr flot­te Inter­net­ver­bin­dung voraus.

Der Rest

Stän­dig aus­ge­baut von Ado­be wird der Bereich der „Online Office“ Appli­ka­tio­nen. Dies ist eigent­lich auch der Bereich, der eine direk­te Gegen­über­stel­lung mit Goog­le Text & Tabel­len verträgt.

Es las­sen sich Text­do­ku­men­te, Tabel­len­kal­ku­la­tio­nen ein­fa­cher Natur und Prä­sen­ta­tio­nen erstel­len. Die­se Funk­tio­nen sind aller­dings noch stän­dig in Arbeit, so dass ich auch nach län­ge­rem Suchen bei­spiels­wei­se kei­nen „zurück“-Schalter fin­den konn­te. Hier scheint man bei Ado­be noch zu sehr in die beschränk­ten Mög­lich­kei­ten des eige­nen Flex-Frame­works zu ver­trau­en. Da ist eine gro­ße Bau­stel­le, die für den pro­duk­ti­ven Ein­satz (außer der Erstel­lung eines ein­fa­chen Text­do­ku­ments) kaum zu emp­feh­len ist.

Fazit

Goo­g­les Erschei­nungs­bild ist puris­tisch und funk­tio­nell, bei Ado­be aber sieht es auch gut aus. Man merkt deut­lich, dass die­se Fir­ma die DTP-Revo­lu­ti­on maß­geb­lich beein­flusst hat und sowohl typo­gra­fisch als auch bei der Inte­gra­ti­on in die PC-Pro­gram­me nichts anbren­nen lässt. Selbst wenn dies manch­mal auf Kos­ten der Geschwin­dig­keit geht,machen Ein- und Über­blend­ef­fek­te, ani­mier­te Ver­läu­fe und eine ins­ge­samt „wei­che“ Bedien­bar­keit die Benut­zung ange­nehm. Dazu trägt auch die sehr dezen­te und unauf­dring­li­che Farb­ge­bung bei.

Dum­mer­wei­se muss aber jedes Doku­ment getrennt mit einer Berech­ti­gung ver­se­hen wer­den, es ist nicht mög­lich, einen Ord­ner zu erstel­len und allen dar­in ent­hal­te­nen Datei­en die glei­chen Zugriffs­be­rech­ti­gun­gen zuzuweisen.

Größ­tes Man­ko dürf­te sein, dass ein kos­ten­pflich­ti­ger Pre­mi­um-Account nur Bewoh­nern des nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents zur Ver­fü­gung steht.

Ins­ge­samt han­delt es sich bei Ado­bes „acrobat.com“ um den ernst gemein­ten Ver­such, die „gro­ßen“ Pro­gram­me und Pake­te wie die Crea­ti­ve Sui­te stär­ker im Inter­net zu ver­an­kern, da man erkannt hat, dass dort wei­te­re Mög­lich­kei­ten war­ten, die die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit und über die Pro­gram­me ver­bes­sern. So wird auch die „Kuler“-Website von Ado­be bei­spiels­wei­se in die CS 4 ein­ge­bun­den und der Benut­zer kann dort direkt gan­ze Farb­pa­let­ten ande­rer Benut­zer auf sei­nen Rech­ner laden oder eige­ne zur Ver­fü­gung stel­len. Noch aller­dings wirkt die­ser Bereich etwas unver­traut auch in der Geschäfts­phi­lo­so­phie der Fir­ma. Man hat augen­schein­lich noch sehr gro­ße Befürch­tun­gen, dass eine zu star­ke Öff­nung für das Inter­net auf Kos­ten der Ver­käu­fe der loka­len Appli­ka­tio­nen geht – was recht unbe­grün­det ist, denn die tra­di­tio­nel­le Kli­en­tel Ado­bes sind kei­ne „Gele­gen­heits-Freel­oa­der“, son­dern Kun­den, die bereit sind, Geld für Leis­tun­gen aus­zu­ge­ben, wenn sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, pro­duk­ti­ver zu arbeiten.

Die bes­te Usa­bi­li­ty hat die­se Web-Appli­ka­ti­on übri­gens mit Firefox …