Web 2.0“, das Schlag­wort der Inter­net-affi­nen Com­pu­ter-Benut­zer der letz­ten Jah­re, hat eine tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung aus­ge­löst, von denen die Grün­der des Inter­nets zu Beginn nicht zu träu­men wag­ten. Auch wenn der Begriff mitt­ler­wei­le so platt­ge­tre­ten ist wie eine Kip­pe vor dem Bahn­hof, so bezeich­net er doch etwas Neu­es, was sich all­mäh­lich in den Köp­fen der Benut­zer fest­zu­set­zen beginnt: Das „Mit­mach-Inter­net“. Was ist das und wo macht es Sinn, sich dar­auf ein­zu­las­sen?

Erst mal jedoch müs­sen wir mit ein paar Vor­ur­tei­len auf­räu­men: Das Inter­net ist kein rechts­frei­er Raum, es ist kein Tum­mel­platz nur für Pädo­phi­le und Kin­der, deren Eltern kei­ne Zeit und/​oder Lust haben, sich um ihre Spröß­lin­ge zu küm­mern. Und es wird auch nicht bevöl­kert von pick­li­gen Hard­core-Spie­lern mit der vor­neh­men „Bild­schirm­bräu­ne“. Nein, das Inter­net ist der Ort, wo die nächs­te Revo­lu­ti­on in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie nach der Erfin­dung des Buch­drucks statt­fin­det – und das ist immer­hin schon 500 Jah­re her.

Die Ober­flä­che von acrobat.com bei Ado­be: Hier wer­den Doku­men­te ver­wal­tet

Eins-Null und Zwo-Null

War das Inter­net in den ers­ten Jah­ren eine Art erwei­ter­tes Schau­fens­ter, in dem man für wenig Geld Inhal­te anbie­ten konn­te statt sie zu dru­cken, hat sich das Bild gewan­delt: Erst sta­tisch, erlaub­ten die ein­zel­nen Inter­net­sei­ten zuneh­mend eine Inter­ak­ti­on mit dem Leser. Man konn­te Kom­men­ta­re abge­ben, Arti­kel ver­knüp­fen, Ver­wei­se set­zen, sogar selbst ein „Tage­buch“, Web­log, füh­ren, dass dann jeder lesen konn­te, der gera­de einen Inter­net­zu­griff hat­te; man konn­te sich Nach­rich­ten­flu­ten zu kur­zen Über­sich­ten, so genann­ten RSS-Feeds zusam­men­fas­sen und schnel­ler erfas­sen, konn­te Bücher und Möbel bestel­len und sogar sei­ne Bank­ge­schäf­te bequem nachts um drei am Sams­tag erle­di­gen. Der Ser­ver war immer zu Diens­ten. Das ist „Web 1.0“, eine Art Lese­kas­ten mit Waren­aus­ga­be und Bestell­an­nah­me.

Was aber ist dann Zwo-Null?

Web 2.0“ ist eine kom­plet­te Neu­erfin­dung des Inter­nets sei­ner selbst. Tech­nisch erst seit weni­gen Jah­ren über­haupt umsetz­bar, stellt es eine Syn­the­se aus tra­di­tio­nel­len Inter­net­sei­ten dar (im Aus­se­hen) und der Kon­zep­ti­on der „Thin-Client-Fat-Server“-Netzwerke. In den neun­zi­ger Jah­ren waren gro­ße Unter­neh­men wie Sun dar­an geschei­tert, dass sie die durch­aus berech­tig­te Annah­me heg­ten, in Unter­neh­men und Netz­wer­ke könn­ten Diens­te wie E-Mail, Ter­min­pla­nung und Daten­ver­ar­bei­tung genau­so gut auf einem „dicken“ Ser­ver funk­tio­nie­ren, an den die „dün­nen“ Rech­ner auf den Schreib­ti­schen ange­schlos­sen wer­den. Die­ses Über­bleib­sel aus den alten Tagen der Groß­rech­ner hat bis heu­te über­lebt. Nur in ande­rer Form: Nicht mehr umständ­li­che Instal­la­tio­nen pro­prie­tä­rer Pro­gram­me und Pro­to­kol­le oder lang­sa­me Inter­pre­ter wie Java stel­len heu­te die Ver­bin­dung her, son­dern der Brow­ser.

Indem man die Inter­net­tech­no­lo­gie und die kos­ten­lo­sen Brow­ser „auf­bohr­te“ mit Pro­gramm­schnip­seln wie Java­Script oder Ajax sind sie seit weni­gen Jah­ren in der Lage, auch kom­ple­xe­re Abfra­gen und Bedien­schrit­te durch­zu­füh­ren, ohne dass etwas auf dem Rech­ner instal­liert wer­den muss. Mitt­ler­wei­le kann der Benut­zer direkt im Brow­ser einen Text erstel­len, for­ma­tie­ren, kom­men­tie­ren, zur Ver­fü­gung stel­len für ein­ge­la­de­ne Benut­zer, Bil­der ein­fü­gen und schließ­lich die Datei ver­schi­cken, ohne dass sie jemals mit der eige­nen Fest­plat­te in Berüh­rung kam. Er kann sie aber auch zwi­schen­spei­chern auf dem eige­nen Rech­ner bis er wie­der Anschluss ans Inter­net hat, dann die in der Zwi­schen­zeit gemach­ten Ände­run­gen online und lokal abglei­chen und wei­ter­ar­bei­ten.

Der Nährwert

Wel­chen Sinn aber soll das machen? Die Ent­wick­ler der dahin­ter ste­hen­den Tech­no­lo­gi­en wer­den nicht müde, die Vor­tei­le die­ser Vor­ge­hens­wei­se her­aus­zu­stel­len:

  • Der Ein­zel­platz­rech­ner benö­tigt kei­ne eige­nen kos­ten­pflich­ti­gen Pro­gram­me, die er pfle­gen und aktua­li­sie­ren muss,
  • es wird auf dem Rech­ner kein Platz für Infor­ma­tio­nen belegt, die schon ver­al­tet sind, sobald die Ver­bin­dung zum Inter­net unter­bro­chen ist,
  • der Benut­zer muss sich nicht um die Archi­vie­rung und Ver­sio­nie­rung küm­mern,
  • er hat kei­ne Pro­ble­me mit der Kom­pa­ti­bi­li­tät beim Daten­aus­tausch.

Statt des­sen wird nur ein Benut­zer­na­me und ein Pass­wort abge­fragt, und schon ist der Zugang zu den Daten frei. Nach den Ände­run­gen wer­den ande­re Benut­zer, die dar­auf Zugriff haben, umge­hend über die Ände­run­gen infor­miert und kön­nen ihrer­seits an dem Doku­ment arbei­ten. „Col­la­bo­ra­ti­on“ lau­tet das Schlag­wort, das der­zeit Goog­le mit sei­nem Dienst „Wave“ (noch in der Erpro­bungs­pha­se) zu per­fek­tio­nie­ren sucht. Der eige­ne Rech­ner dient dabei nur noch als Ersatz­teil­la­ger für per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen, die der Benut­zer je nach Gus­to bereit­stel­len kann. Das Pro­dukt ent­steht auf einem Rech­ner, der irgend­wo auf der Welt steht.

Integre Datenhaltung

Das ist aber gleich­zei­tig auch eines der größ­ten Hin­der­nis­se in der Akzep­tanz: Daten, die man nicht sieht (selbst wenn sie auf der eige­nen Fest­plat­te lagern, sieht man sie nicht, die Hard­ware ver­leiht aber das Gefühl, sie voll­stän­dig zu besit­zen), weil sie auf einem unbe­kann­ten Ser­ver mit einer kryp­ti­schen Num­mer lie­gen, wir­ken bedroh­lich. Man muss dem Betrei­ber ver­trau­en, dass er die Daten nicht an Unbe­fug­te wei­ter­gibt oder ihnen zumin­dest den Zugriff erschwert, dass man immer noch Herr sei­ner Infor­ma­tio­nen ist. Selbst wenn die „infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung“ immer wei­ter durch viel­leicht sogar gut gemein­te Vor­schrif­ten und Tech­ni­ken wie die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung und den „Bun­destro­ja­ner“ unter­gra­ben wird, bedeu­tet den meis­ten Benut­zern die Inte­gri­tät der Daten auf ihrer Fest­plat­te so viel, dass sie sich nicht trau­en, Diens­te in Anspruch zu neh­men, die von Ihnen for­dern, die Daten so zu behan­deln, als han­de­le es sich um Schrau­ben oder Nägel.

Ver­trau­en ist also das obers­te Gebot der Anbie­ter von „Web-Apps“, wie sie angli­siert salopp bezeich­net wer­den. Unbe­merkt von den meis­ten Nut­zern tum­meln sich auf die­sem Feld bereits zahl­rei­che Anbie­ter, die Nischen wie Pro­jekt­pla­nung und -steue­rung abde­cken oder auch um den gro­ßen Kuchen der Büro­soft­ware schla­gen. Zur Zeit ist zwar der Inter­net- und Such­ma­schi­nen-Rie­se Goog­le mit den „Goog­le Text&Tabellen“ noch ganz vor­ne mit dabei, aber es droht schon Kon­kur­renz: Sowohl Desk­top-Gigant Micro­soft als auch Publi­shing-Schwer­ge­wicht Ado­be betre­ten den Ring.

Daher wer­den wir uns in den fol­gen­den Arti­keln mit die­sen Web-Appli­ka­tio­nen beschäf­ti­gen und der Fra­ge nach­ge­hen, wor­in eigent­lich deren Nutz­wert vor allem für Redak­teu­re besteht.