Ein The­ma, dass gern in der tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on ent­we­der stief­müt­ter­lich behan­delt oder als läs­tig schnell abge­hakt wird, ist die Wahl der rich­ti­gen Schrift. Das mag dar­an lie­gen, dass Schrift im All­ge­mei­nen als gege­ben vor­aus­ge­setzt wird oder aber in ihrer Funk­ti­on und Wir­kung hin­ter der Infor­ma­ti­on zurück­tre­ten muss. Das aber kann sich rächen.

Links zum Thema

Typolexikon.de – Hin­ter­grün­de zur Schrift und Grund­la­gen

Stef­fen-Peter Ball­sta­edt

ezi­ne arti­cles: How to Use Fonts Pro­per­ly in a Tech­ni­cal Docu­ment

doc­tima GmbH: Ver­ständ­li­cher Schrei­ben – Wann und War­um

Charles Poyn­ton: Ten com­mon mista­kes in the typeset­ting of tech­ni­cal docu­ments (PDF)

Der fol­gen­de Text soll kein Plä­doy­er für eine typo­gra­fi­sche Grund­aus­bil­dung sein oder gar die Not­wen­dig­keit ver­deut­li­chen, für die­ses The­ma einen Exper­ten zu Rate zu zie­hen, son­dern nur all­ge­mein auf die Pro­ble­ma­tik hin­wei­sen, die sich aus dem gelun­ge­nen oder miss­lun­ge­nen Zusam­men­spiel von Schrift und Infor­ma­ti­on erge­ben kann. Zunächst daher eini­ge pau­scha­le State­ments:

  • Schrift ist kein Selbst­zweck. Eine Schrift nimmt man nicht, weil sie ein­fach „gut aus­schaut“. Die Schrift ist ein ele­men­ta­res Bestand­teil der im Text ver­mit­tel­ten Infor­ma­ti­on. Das soll­te selbst­ver­ständ­lich sein, denn ein Warn­hin­weis, der in Frak­tur gesetzt ist, wird wahr­schein­lich in den sel­tens­ten Fäl­len den Leser errei­chen und damit zu Sicher­heits­ri­si­ken füh­ren.
  • Schrift ist kein Zufall. Über die Aus­wahl für eine Schrift, die im Text vor­herrscht (also den „Werk­satz“) bestimmt nicht der Schrift­ord­ner des Betriebs­sys­tems. Auch wenn moder­ne Betriebs­sys­te­me eine Viel­zahl von Schrif­ten bereits vor­in­stal­liert anbie­ten, kön­nen sich deren Aus­füh­run­gen und Zei­chen­um­fang von Betriebs­sys­tem­ver­si­on zu -ver­si­on unter­schei­den. Wenn bei­spiels­wei­se eine „Times New Roman“ auf einem Sys­tem in der Ver­si­on 1.2 vor­liegt, so kann der Ein­satz der Ver­si­on 1.3 dazu füh­ren, dass man­che Son­der­zei­chen nicht mehr kor­rekt dar­ge­stellt wer­den oder der Zei­len­fall sich so ändert, dass es zu Ver­schie­bun­gen in der Sei­ten­zu­ord­nung kommt. Plötz­lich fehlt in der Druck­aus­ga­be oder dem PDF eine Num­mer oder ein Buch­sta­be.
  • Schrift ist kei­ne Spie­le­rei. Ein ein­mal gewähl­ter Font für eine Doku­men­ta­ti­on wird nicht alle paar Mona­te wie­der geän­dert, nur weil es dem Redak­teur so gefällt. Die Schrift in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on bestimmt das Erschei­nungs­bild des Tex­tes, sie erleich­tert oder erschwert die Über­set­zungs­pro­zes­se und vor allem erleich­tert oder erschwert sie die Rezep­ti­on.

Einschränkung

In den meis­ten Fäl­len kom­men höchs­tens frei­be­ruf­li­che Tech­ni­sche Redak­teu­re in den „Genuss“, eine Schrift für einen Auf­trag­ge­ber wäh­len zu kön­nen. Meist ist sie vor­ge­ge­ben durch das so genann­te „Cor­po­ra­te Design“. Nun ist es aber auch lei­der häu­fig so, dass die Aus­wahl der Schrift durch Exper­ten auf dem Gebiet des Designs erfolgt, die sowohl eine wun­der­schö­ne Web­site als auch die Vor­la­gen für die Geschäfts­kor­re­spon­denz ent­wer­fen – sel­ten aber auch einen Ein­blick in die manch­mal abwei­chen­den Anfor­de­run­gen in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on haben.

So ent­steht für den Redak­teur eine Art „design­frei­er“ Raum, in dem er selbst allei­ne oder in Zusam­men­ar­beit mit Kol­le­gen den Vor­la­gen­ent­wurf für die Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on über­neh­men muss. Ange­fan­gen von der Wahl des For­mats und des Sei­ten­lay­outs bis hin eben zur Schrift­wahl …

Kriterien

Dar­stel­lung der typo­gra­fi­schen Grund­be­grif­fe (© by design-literatur.de)

Da aber für die Wahl der Schrift neben den typo­gra­fi­schen Erwä­gun­gen wie Lauf­wei­te und Les­bar­keit, Anzahl der Schnit­te (fett, etx­tra fett, mager, halb­ma­ger) auch kun­den­spe­zi­sche oder unter­neh­mens­spe­zi­fi­sche Kri­te­ri­en gel­ten müs­sen, wird die Aus­wahl zuneh­mend schwie­ri­ger. Daher fol­gen jetzt eini­ge Kri­te­ri­en, die aller­dings nicht den Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhe­ben kön­nen:

  • Typo­gra­fie. Hier ist nicht die Anmu­tung oder der Nei­gungs­win­kel im Vor­der­grund, son­dern ihre Les­bar­keit, mit­hin die Unter­scheid­bar­keit von Ober­län­gen. Je deut­li­cher sich die Ober­län­ge (der obe­re Teil des „b“) von der Mit­tel­län­ge (dem Bauch des „b“ abhebt, des­to leich­ter wird es für den Leser, den Text auf­zu­neh­men, da er ein­zel­ne Wör­ter schnel­ler erfas­sen kann.
  • Les­bar­keit. In der Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on ist nicht das flüs­si­ge Durch­le­sen einer bedruck­ten Sei­te wich­tig, also der Lese­fluss, son­dern die Erfas­sung des Inhalts. Die Text muss auch unter ungüns­ti­gen Bedin­gun­gen (Staub, Schmutz, kopier­te Sei­ten, schlech­tes Licht) noch gut les­bar sein. Ist die Schrift zu klein oder „läuft“ das „o“ zu, wird die Erfas­sung behin­dert.
  • Über­setz­bar­keit. Ein tech­ni­sches Pro­blem. Da schon auf­grund der Maschi­nen­richt­li­nie die Doku­men­ta­ti­on in Lan­des­spra­che vor­lie­gen muss, ste­hen Über­set­zer oft vor der Fra­ge, wie sie ein Doku­ment über­set­zen sol­len, wenn die Gly­phen der ver­wen­de­ten Schrift nicht in der Ziel­spra­che vor­han­den sind. Mit ande­ren Wor­ten: wie groß ist der Umfang an Son­der­zei­chen in der Werk­schrift? Oft reicht es dabei nicht, sich auf Open­Type zurück zu zie­hen, denn auch dort han­delt es sich manch­mal ledig­lich um neu „ver­pack­te“ Schrif­ten (ehe­mals Tru­e­Ty­pe oder Post­Script), die zwar auf allen Betriebs­sys­te­men zum Ein­satz kom­men kön­nen, aber nur einen ein­ge­schränk­ten Gly­phen­um­fang besit­zen.
  • Erschei­nungs­bild, das Image. Wäh­rend in Deutsch­land bei­spiels­wei­se eine Gro­tesk in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on eine gewis­se Nüch­tern­heit und Direkt­heit ver­mit­telt, wird in angel­säch­si­schen Län­dern ger­ne eine Anti­qua ein­ge­setzt, da sie mehr Tra­di­ti­on und Lang­le­big­keit aus­drückt.
  • Misch­bar­keit. Ide­al mag es sein, wenn nur eine ein­zi­ge Schrift in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on zum Ein­satz kommt – vor­zugs­wei­se eine „gut aus­ge­bau­te“ Schrift wie die „Hel­ve­ti­ca Neue“, die mitt­ler­wei­le über 50 ver­schie­de­ne Schnit­te auf­weist. Aber aus Grün­den einer gewis­sen Unver­wech­sel­bar­keit mag sie nicht jedem zusa­gen. Hier lei­det dann das Cor­po­ra­te Design. Aber war­um soll­te man nicht mischen? Es gibt Schrif­ten, die das gera­de­zu anbie­ten, indem sie in seri­fen­lo­sen und seri­fen­be­ton­ten Vari­an­ten und Misch­for­men ange­bo­ten wer­den. Dazu zählt bei­spiels­wei­se die The­sis.

Für wel­che man sich schließ­lich ent­schei­det, bestimmt natür­lich auch das Bud­get. Aller­dings dürf­ten sich die Kos­ten für eine kom­mer­zi­el­len und hoch­qua­li­ta­ti­ve Schrift­fa­mi­lie gera­de­zu lächer­lich aus­neh­men, wenn man die Kos­ten bedenkt, die durch feh­ler­haf­te oder schnitt­ar­me Schrif­ten auf­tre­ten kön­nen.