Wer hät­te gedacht, dass es ein­mal soweit sein wird, dass ein Pro­gramm, spe­zi­ell kon­zi­piert für lan­ge Doku­men­te und deren Ver­wal­tung, ein­mal nach der Qua­li­tät sei­ner gra­fi­schen Benut­zer­ober­flä­che (GUI) beur­teilt wird. Und nun hat Ado­be das Unwahr­schein­li­che wahr gemacht und sei­nen Vete­ran Frame­Ma­ker über­ar­bei­tet.

Zum The­ma

Vor­aus­set­zun­gen

Win­dows XP mit SP 2 oder neu­er bezie­hungs­wei­se Vis­ta mit SP1 (nur 32bit). Läuft aber pro­blem­los auch mit Win­dows 7.

Fitts‘s Law“, nach der die benö­tig­te Zeit um eine Akti­on aus­zu­füh­ren, das Pro­dukt aus Ziel­grö­ße und -ent­fer­nung ist, gilt im Inter­net fast schon als unan­tast­bar gel­ten­de Aus­sa­ge. Im Klar­text: Je wei­ter weg von sei­nem augen­blick­li­chen Fokus und je klei­ner ein But­ton ist, den der Benut­zer kli­cken muss, des­to län­ger benö­tigt er und des­to wahr­schein­lich ist, dass er dane­ben klickt. Ein Menü, bei dem Sie links oben einen Knopf drü­cken müs­sen und dann mit der Maus nach rechts unten wan­dern müs­sen, um die Ein­ga­be zu bestä­ti­gen, wird ver­mut­lich häu­fig falsch bedient – sofern es nicht beab­sich­tigt ist, dass zwi­schen den bei­den Objek­ten auch eine „Bedenk­zeit“ ver­strei­chen soll. Als Resul­tat soll der Benut­zer die Funk­tio­nen, die er häu­fi­ger benö­tigt, schnel­ler fin­den und schnel­ler ein­set­zen kön­nen statt sich durch zahl­rei­che Unter­me­nüs zu han­geln.

Ein Bei­spiel: Sie möch­ten den Kon­trast eines Bil­des ändern. Dazu rufen Sie ein Menü auf und stel­len an zwei But­tons im obe­ren Bereich die Optio­nen ein. Das Ergeb­nis sehen Sie in einer Vor­an­sicht direkt dane­ben. Um die Ände­rung aber zu spei­chern (oder zu ver­wer­fen), müs­sen sie mit der Maus quer durch das Menü­fens­ter navi­gie­ren. Damit gewin­nen Sie eine Sekun­de, sich den Schritt zu über­le­gen. Wenn sie sich aber dazu ent­schlos­sen haben, die­se Akti­on durch­zu­füh­ren – was nutzt es dann, ein neu­es Fens­ter anzu­zei­gen, dass Sie davor warnt, dass nun eine Akti­on durch­ge­führt wird? Und Sie dazu zwingt, erneut zu bestä­ti­gen, ohne dass Sie eine Opti­on haben abzu­bre­chen? Eben, gar nichts.

Stan­dard­ober­flä­che von Frame­Ma­ker 9 mit Arbeits­um­ge­bung

Was aber hat das mit Frame­Ma­ker 9 zu tun? Nun, Ado­be hat­te es bereits mit der „Crea­ti­ve Sui­te 4“ vor­ge­macht: Man kop­pelt sich im GUI von bei­den Betriebs­sys­te­men ab, für die pro­gram­miert wird und macht ein eige­nes. Das hat den Vor­teil, dass man sich in der Benut­zer­füh­rung nicht nur unab­hän­gig von der Platt­form, son­dern vor allem auch von den Sys­tem­ver­sio­nen und den jewei­li­gen Eigen­schaf­ten machen kann. Dazu hat man nach dem Zukauf der Flash-Tech­no­lo­gie ein eige­nes GUI gebas­telt, von dem man annimmt, dass es den meis­ten Benut­zern einen Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wachs bringt. Menüs wur­den gestrafft und neu grup­piert, Funk­tio­nen neu kon­zi­piert und auf ihre All­tags­ver­wen­dung her struk­tu­riert.

Das bedeu­tet, dass es mit Frame­Ma­ker 9 auch Palet­ten gibt, die frei grup­piert und ange­ord­net wer­den kön­nen. Und noch ein Schritt wei­ter: die­se Kon­fi­gu­ra­ti­on der Palet­ten lässt sich spei­chern. Damit kön­nen für jeden Ein­satz­zweck eige­ne Menü­kon­fi­gu­ra­tio­nen her­an­ge­zo­gen wer­den. Schon aus der Packung bie­tet Ado­be für Frame­Ma­ker gleich meh­re­re „Arbeits­um­ge­bun­gen“ an:

  • Text­erfas­sung mit den Palet­ten für die Absatz- und Zei­chen­ge­stal­tung sowie Tabel­len und Varia­blen
  • Text­erfas­sung in DITA-Umge­bun­gen mit Attri­bu­ten, Ele­men­ten und Struk­tur­baum
  • Inhalts­ver­wal­tung mit den Palet­ten für die Absatz und Zei­chen­ge­stal­tung sowie der ein­ge­setz­ten Fonts
  • Gra­fik­ver­wal­tung mit den Palet­ten für ver­an­ker­te Rah­men, Umflie­ßen und Posi­tio­nie­rung
  • Über­ar­bei­tung mit den Palet­ten für Suchen und Erset­zen, Varia­blen und Mar­kern
  • Struk­tu­rier­tem Inhalt, ähn­lich wie DITA, aller­dings mit getrenn­ten Palet­ten für Attri­bu­te und Struk­tur­baum

Lei­der ist es immer noch nicht mög­lich wie bei den Pro­duk­ten der CS4, sich auch eige­ne Tas­ten­kür­zel anzu­le­gen und als Sets zu spei­chern. Vor allem bei dem gera­de in Frame­Ma­ker recht häu­fig ver­wen­de­ten Impor­tie­ren von Text­ein­schü­ben wäre ein sol­che Kür­zel zweck­mä­ßig. Aber dafür las­sen sich die Palet­ten ja frei posi­tio­nie­ren und als eige­ne Kon­fi­gu­ra­ti­on spei­chern.

Der Preis der Palet­ten­op­tik ist Ado­be bekannt: Bild­schirm­platz. Ein aktu­el­les Net­book schei­det damit trotz mög­li­cher­wei­se vor­han­de­ner Rech­ner­leis­tung defi­ni­tiv aus, wenn es um die Arbeit mit der Crea­ti­ve Sui­te geht – und eben auch mit Frame­Ma­ker 9. Unter einer Auf­lö­sung von 1440 Pixeln hori­zon­tal kann der Rah­men­ma­cher gar nicht ver­nünf­tig ein­ge­setzt wer­den, da die zahl­rei­chen Palet­ten zwar ein­ge­klappt wer­den kön­nen, es aber ein­fach ihrem Sinn und Nut­zen wider­spricht. Denn dadurch ent­ste­hen wie­der zusätz­li­che Wege, die dann die Pro­duk­ti­vi­tät brem­sen.

Und der Benut­zer? Es gibt zwei Arten der Benut­zer, die Ado­be mit der neu­en Optik gleich­zei­tig bedie­nen möch­te: der lang­jäh­ri­ge Frame-User, der zunächst sicher­lich Mühe haben wird, die ihm bereits in Fleisch und Blut über­ge­gan­ge­nen Wege und Klicks zu ändern. Plötz­lich ist näm­lich im unte­ren Fens­ter­ab­schnitt (schon dies ist eine Neue­rung) auch eine Palet­te der Varia­blen zu sehen, die per Dop­pel­klick ein­ge­fügt wer­den ohne erst durch drei Unter­me­nüs zu navi­gie­ren. Er wird sich mög­lichst schnell sei­ne eige­nen Palet­ten­kom­bi­na­tio­nen erstel­len, die ihm das gewohn­te Arbei­ten mit der Vor­gän­ger­ver­si­on zurück brin­gen.

Für den Ein­stei­ger jedoch hat die Palet­tie­rung erheb­li­che Vor­tei­le: auf einen Blick alle Text­ein­schü­be und refe­ren­zier­ten Gra­fi­ken oder nicht auf­ge­lös­te Quer­ver­wei­se sehen und direkt „ansprin­gen“ zu kön­nen, beschleu­nigt erheb­lich den Auf­bau des Doku­ments. In die­ser Hin­sicht hat Ado­be gan­ze Arbeit geleis­tet. Gera­de auch Benut­zern, die eher aus dem so genann­ten „krea­ti­ven“ Berei­chen kom­men und schon das Arbei­ten mit Palet­ten aus Pho­to­shop oder Illus­tra­tor gewöhnt sind, fällt die Ein­ar­bei­tung leich­ter. Schwie­ri­ger aber wird es für Ein­stei­ger aus dem Office-Umfeld.

Damit wird auch die Ziel­rich­tung klar: Ado­be will Frame­Ma­ker 9 nicht im Office-Umfeld posi­tio­nie­ren, son­dern in der anspruchs­vol­le­re Umge­bung der pro­fes­sio­nel­len Krea­tiv-Pro­gram­me wie Pho­to­shop und InDe­sign. Gleich­zei­tig erwirbt man sich eine nicht zu unter­schät­zen­de Frei­heit vom GUI des Betriebs­sys­tems, denn nun wirkt Frame­Ma­ker fremd auf jeder Win­dows-Ver­si­on…