Man muss nicht unbe­dingt Indi­vi­dua­list sein, um eine Rad­rei­se zu machen. Eine gute Pla­nung und Orga­ni­sa­ti­on vor­aus­ge­setzt, sowie aus­rei­chend Impro­vi­sa­ti­on kann man auch mit Kin­dern eine mehr­tä­gi­ge Fahr­rad­rei­se unter­neh­men. Zum Bei­spiel an der Loire.

Nach­dem wir im letz­ten Jahr den Donau­rad­weg von Pas­sau nach Wien mit den Kin­dern abge­fah­ren waren, beschlos­sen wir, es in die­sem Jahr mit der Loire zu ver­su­chen, zählt doch die Tour auf­grund der zahl­rei­chen Schlös­ser zu den schöns­ten Rad­rei­se­we­gen über­haupt. Da wir mit Zelt und Kocher, Schlaf­sä­cken und Iso­mat­ten recht voll bepackt waren, kam nur eine Anrei­se per Bahn in Fra­ge – alles ande­re wäre unter der Ehre.

Nach­fol­gend ein Aus­zug aus mei­nem Tage­buch; viel­leicht erwägt auch der ein oder ande­re Leser, sich mal an einer sol­chen Tour zu ver­su­chen. Sie stellt sport­lich kaum beson­de­re Anfor­de­run­gen an die Kon­di­ti­on, wohl aber an die Organisation.

2.8.

Um nicht in den Pack­stress zu gera­ten, wol­len wir mit dem Nacht­zug erst am Sams­tag gegen 21:00 h ab Mün­chens Haupt­bahn­hof abfah­ren, damit wir dann am Mor­gen so um 6:30 h in Paris, Gare de l‘Est ankom­men. Von dort geht es dann am Mor­gen quer durch Paris zum Gare Aus­ter­litz, der uns nach Orléans brin­gen soll, dem Aus­gangs­punkt unse­rer Tour. Falls mög­lich, wol­len wir mit den Kin­dern bis zum Atlan­tik kom­men – kur­ze Über­brü­ckun­gen mit der Bahn sind dazu aller­dings unumgänglich.

3.8.

Der Nacht­zug war gräss­lich, denn wir hat­ten vier Plät­ze in einem ehe­ma­li­gen Inter­re­gio-Wagen, was bedeu­te­te, dass man die gegen­über lie­gen­den Sit­ze nicht zusam­men schie­ben kann, um sich eine Lie­ge zu bau­en, son­dern im Sit­zen schla­fen muss. Wir leg­ten daher die Iso­mat­te auf den Boden, auf der Jonas mit sei­nen kur­zen Bein­chen rela­tiv bequem Platz fand und schla­fen konn­te, zwei Sitz­plät­ze blie­ben für Johan­na, die sich zusam­men rol­len muss­te, und die bei­den ande­ren gegen­über lie­gen­den Sit­ze blie­ben für Corin­na und mich. Sit­zend schla­fen. Die Nacht ging auch irgend­wie rum…

Sonn­tag­mor­gens ist Paris noch recht tot, so dass wir stress­frei bis Gare Aus­ter­litz kamen und dort die ers­ten Crois­sants im Ste­hen früh­stück­ten. Corin­na besorg­te mit den Kur­zen die Fahr­kar­ten bis Meung-sur-Loire, eine klei­ne Sta­ti­on bei Orléans, von der aus wir star­ten woll­ten. Dadurch konn­ten wir Orléans und die Stadt ver­mei­den, wir woll­ten sie even­tu­ell auf dem Rück­weg besuchen.

Ein Tan­dem ist ja schon in deut­schen Zügen eine sper­ri­ge Ange­le­gen­heit, und das war es auf der Fahrt nach Meung auch, vor allem da stre­cken­wei­se doch recht vie­le Rad­ler mit dem Rad unter­wegs sind, um kur­ze Tages­tou­ren abzukürzen.

In Meung ange­kom­men wur­de das Wet­ter sehr trü­be und es begann zu nie­seln. Unser ers­tes Ziel war Mui­de-sur-Loire, eine klei­ne Stadt an der Loire mit Cam­ping­platz. Mui­de liegt in der Nähe von Cham­bord. In Mui­de war es abends dann aber drü­ckend schwül.

4.8.

Und dann kam die Revan­che für das schwü­le Wet­ter: In der Nacht begann es rich­tig zu reg­nen. Wäh­rend es vor­her immer mal wie­der nur genie­selt hat­te, plad­der­te jetzt der Regen auf die Zel­te und ver­mies­te uns das Früh­stück, denn dum­mer­wei­se ließ er mor­gens nicht nach, wie es sich für einen ordent­li­chen Regen gehört. Wir such­ten daher Unter­schlupf unter dem Dach des Cam­ping­plat­zes und früh­stück­ten dort gemein­sam mit ande­ren Cam­pern, die noch weni­ger auf schlech­tes Wet­ter ein­ge­stellt waren.

Corin­na hat­te am Mor­gen noch schnell Baguette und Milch vom Super­markt geholt und wun­der­te sich über die Lebens­mit­tel­prei­se dort, so wie sie sich abends über die nied­ri­gen Cam­ping­platz­ge­büh­ren gewun­dert hat­te. Es sind ein­fach ande­re Prio­ri­tä­ten. Ich ver­ste­he jetzt den Aus­spruch bes­ser: „Die Deut­schen kau­fen die teu­ers­ten Küchen, aber essen den bil­ligs­ten Fraß!“ Ich dach­te immer, das sei ein Vor­ur­teil über die deut­schen Kon­sum­ge­wohn­hei­ten, für man­che Sache Unsum­men aus­zu­ge­ben, aber bei wich­ti­gen Din­gen wie dem Essen furcht­bar knaus­rig zu sein. Es ist kein Vor­ur­teil, son­dern Fakt. Milch kos­tet in Frank­reich näm­lich fast das Doppelte.

Nach dem Früh­stück pack­ten wir die Zel­te nass ein, was hät­ten wir auch Ande­res tun sol­len? Der Wet­ter­be­richt sag­te zumin­dest nach­las­sen­de Schau­er für den Nach­mit­tag vor­her. Und da wir erst um halb Zwölf auf den Rädern saßen, waren die Schau­er auch tat­säch­lich vorüber.

Wir radel­ten nach Cham­bord, dem wohl beein­dru­ckends­ten Schloss der Loire.

Châ­teau Chambord

Cham­bord ist ein Protz­schloss. Im 16. Jahr­hun­dert erbaut, ist es ein Meis­ter­werk der archi­tek­to­ni­schen Sym­me­trie und Berech­nung. Es nimmt den Abso­lu­tis­mus vor­weg. Und es hat jedes mensch­li­che Maß ver­lo­ren. Alles dar­an ist rie­sig. Jonas gefiel vor allem die dop­pel­te Wen­del­trep­pe, bei der auch Leo­nar­do da Vin­ci sei­ne pla­ne­ri­schen Ide­en im Spiel hat­te. Sie ist eine Trep­pe mit zwei Auf­gän­gen, die inein­an­der ver­schraubt sind. Johan­na fand dage­gen die alten Gobe­lins und Bil­der sehr spannend.

Unser heu­ti­ges Ziel ist Chau­mont und der dor­ti­ge Cam­ping­platz. Dort gibt näm­lich es eine ech­te Burg zu sehen.

5.8.

Die Loire ist sehr seicht. Daher konn­te sie wäh­rend der Indus­tria­li­sie­rung auch nicht als Ver­kehrs­weg für gro­ße Trans­port genutzt wer­den. Man hat­te sich bis zur Indus­tria­li­sie­rung in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts auf spe­zi­ell kon­stru­ier­te Loire-Boo­te ver­las­sen, die mit fla­chem Boden aus­ge­rüs­tet manch­mal nur eine ein­zi­ge Tour fuh­ren, um danach zer­legt und ver­kauft zu wer­den. Bei Hoch­was­ser tritt die Loire sofort sehr weit­räu­mig über die Ufer und über­flu­tet die umlie­gen­den Acker­flä­chen und die Auwäl­der. Die leben­di­ge Fluss­land­schaft hat jedoch nicht nur einen gro­ßen umwelt­schutz­tech­ni­schen Vor­teil, son­dern auch einen tou­ris­ti­schen: Gera­de wegen der rela­tiv unbe­rühr­ten Fluss­land­schaft ist die Loire einer der schöns­ten Rad­we­ge Euro­pas und der „Gar­ten Frank­reichs“. Die Land­schaft atmet den glei­chen mit­tel­al­ter­li­chen Charme wie die Gäss­chen der anrai­nen­den Ort­schaf­ten. Für Auto­fah­rer ist das manch­mal aller­dings ver­trackt: Wer hier mit einem dicken deut­schen Schlit­ten oder Anhän­ger her­kommt, bleibt oft ste­cken und muss die Städt­chen weit­räu­mig umfah­ren. Des einen Leid ist aber des ande­ren Freud: Wir Rad­ler haben mehr Platz und mehr Genuss.

Über­haupt ver­hal­ten sich fran­zö­si­sche Auto­fah­rer (viel­leicht wegen des recht gro­ßen Rad­auf­kom­mens eher gewohnt) sehr rück­sichts­voll gegen­über Rad­lern. Wir wur­den immer weit­räu­mig umfah­ren (was auch an unse­ren etwas unge­wöhn­li­chen Fahr­zeu­gen gele­gen haben mag, sie­he „Tech­nik“ rechts).

Mit vol­lem Gepäck fuh­ren wir vom Zelt­platz am Ufer der Loire zum nahen Ein­gang der Burg von Chau­mont. Da es sich bei die­ser Anla­ge im Kern tat­säch­lich immer schon um eine wehr­tech­ni­sche Anla­ge han­del­te, ist der Begriff „Schloss“ eigent­lich unan­ge­bracht. Es ist eine ech­te Burg, sehr zur Freu­de von Jonas. Sie hat eine rich­ti­ge Zug­brü­cke mit funk­tio­nie­ren­dem Mecha­nis­mus, auch wenn die­ser mitt­ler­wei­le durch einen Motor unter­stützt wird. Er war daher auch hoch­mo­ti­viert, die lan­ge Ram­pe zum Burg­berg hinaufzugehen.

Die Burg vom Chau­mont im Mor­gen­licht vom Zelt am Ufer der Loire aus gesehen.
Tech­nik

Als Räder benutz­ten wir mein T300 Trek­kin­grad von vsf mit einem Hase-Trets und ein umge­bau­tes „Twin Power“-Tan­dem von specialbikes.at, auf dem Johan­na hin­ten per Sto­ker Kid mit­fah­ren kann. Das Tan­dem kann im Lie­fer­zu­stand als bil­lig ein­ge­stuft wer­den, daher emp­fiehlt es sich, zusätz­lich Magu­ra-Hydrau­lik­brem­sen anzu­brin­gen und einen sta­bi­len Gepäck­trä­ger, Lowri­der und ordent­li­che Sät­tel. Auf die mit­ge­lie­fer­ten Schei­ben­brem­sen kann man getrost ver­zich­ten. Aber in der Preis­klas­se darf man kei­ne Wun­der­wer­ke erwarten…

Bereits im 8. Jahr­hun­dert hat­te man auf den Fel­sen über der Loire eine Burg gesetzt, um die umlie­gen­den Lie­gen­schaf­ten gegen die Ansprü­che der benach­bar­ten Graf­schaf­ten abzu­si­chern. Nach­dem die Burg den­noch mehr­fach den Besit­zer gewech­selt hat­te und geschleift wur­de, ent­stand im 12. Jahr­hun­dert die eigent­li­che Burg, deren Kern dann im 16. Jahr­hun­dert zu einem Schloss umge­baut wur­de. Dabei wur­de in ers­ter Linie der Gar­ten ange­legt – für mehr war glück­li­cher­wei­se kein Geld übrig. Es sind immer noch die sel­ben alten dicken und düs­te­ren Mau­ern, die man von mit­tel­al­ter­li­chen Bur­gen kennt. Daher war es Katha­ri­na von Medi­ci auch eine die­bi­sche Freu­de, ihre Neben­buh­le­rin nach dem Tod ihres Man­nes, König Hein­rich II., aus dem eigens für die Dame gebau­ten Lust­schlöss­chen Chenon­ceau in das düs­te­re Chau­mont brin­gen zu las­sen. Katha­ri­na hat­te zwar viel Geld in die Ehe mit­ge­bracht, er hat­te es aber zu sei­nen Leb­zei­ten für Madame de Poi­tiers ver­prasst, der er wohl kei­nen Wunsch abschla­gen konn­te. Zur Ehren­ret­tung der Dia­ne de Poi­tiers sei gesagt, dass sie das tat, was jede Mätres­se tun wür­de: ihre Schön­heit gegen die Ehe­frau aus­spie­len. Und den Bil­dern nach zu urtei­len, ver­füg­te Katha­ri­na von Medi­ci als Fami­li­en­mit­glied der wohl ein­fluss­reichs­ten Fami­lie des euro­päi­schen Mit­tel­al­ters über viel Geld und Macht, auch über Intel­li­genz und Scharf­sinn, jedoch nicht über Schönheit.

Das Ergeb­nis die­ser Bau­tä­tig­keit war eine völ­li­ge Ver­ar­mung der Bevöl­ke­rung, da man auf die irr­wit­zigs­ten Steu­ern und Abga­ben ver­fiel, um die geplün­der­te Staats­kas­se zu retten.

Über­haupt hat man den Ein­druck, dass Frank­reich, das ja erst im 16. Jahr­hun­dert zu sei­ner jet­zi­gen Grö­ße her­an­ge­wach­sen war, auch des­we­gen die auf­kom­men­de Indus­tria­li­sie­rung im 18. Jahr­hun­dert des­we­gen ver­schlief, weil sei­ne Köni­ge die Wirt­schafts­kraft des Lan­des ver­prasst hat­ten. Geld, das den Manu­fak­tu­ren und Klein­be­trie­ben, dem Hand­werk bit­ter fehlten.

Die Loire ist und war kein Ver­kehrs­fluss. Und mit der Eisen­bahn im vor­letz­ten Jahr­hun­dert wur­de sie zuneh­mend abge­schnit­ten. Das ist ein tou­ris­ti­sches Glück. Die Loire ist das geschicht­li­che Herz Frank­reichs, von hier regier­ten im Mit­tel­al­ter die Köni­ge, die ihre Resi­denz zwi­schen Amboi­se und Orléans, zwi­schen Tours und Nan­tes ent­lang der Lore ver­scho­ben. Hier wur­de wich­ti­ge Ehen geschlos­sen und auch annul­liert, hier tra­fen sich bereits die Köni­ge der Ost- und West­go­ten, Ala­rich und Chlod­wig. Letz­te­res ver­kün­de­te in Tours sogar den Über­tritt sei­ner Fami­lie zum Chris­ten­tum, womit die kirch­lich-reli­giö­se Geschich­te des Abend­lan­des eine ent­schei­den­de Wen­de nahm. Die Ent­schei­dung war ver­mut­lich wich­ti­ger für Euro­pa las alle Feld­zü­ge und Schlach­ten zusam­men. Sie hat unse­re Kul­tur maß­ge­bend geprägt. weit mehr als die Ver­schie­bung irgend­wel­cher obsku­rer Ter­ri­to­ri­al- und Besitzansprüche.

Nach Chau­mont radel­ten wir Rich­tung Amboi­se, wobei wir den offi­zi­el­len Rad­weg über die Hügel mie­den, denn es war sehr heiß und die offi­zi­el­le Rad­wegs­füh­rung doch recht zweck­frei. dar­über hin­aus sind die klei­nen Stra­ßen ent­lang der Loire nicht sehr befah­ren. Die Rad­rou­te hät­te uns als zer­mür­ben­des Auf und Ab durch die Wein­ber­ge der Tou­rai­ne geführt. Das woll­ten wir den müden Kin­dern nicht antun. Die Tage sind doch recht anstren­gend für die Kur­zen, vol­ler Ein­drü­cke und Anstren­gun­gen. Gera­de bei Kin­dern mer­ke ich, dass aus der „Sat­tel­per­spek­ti­ve“ die Anzahl der Ein­drü­cke um ein Viel­fa­ches höher ist, als wenn man mit dem Auto vor­bei rauscht. Das ermü­det ungleich mehr, unge­ach­tet der kör­per­li­chen Beanspruchung.

Nach­mit­tags kamen wir in Amboi­se an und zel­te­ten auf dem Cam­ping­platz fast mit­ten in der Stadt auf der Insel der Loire. Wir stell­ten die Räder ab und die Zel­te auf. Jonas woll­te zwar lie­ber ins Frei­bad, das man vom Zelt­platz aus hören konn­te, aber Johan­na und Corin­na konn­ten ihn umstim­men, da es in Chenon­ceau nicht nur ein Was­ser­schloss, son­dern auch ein Eis geben soll­te. Mit lee­ren Rädern pack­te wir den Weg hin­über zum Cher nach Chenon­ceau (16 km über die Hügel).

Ich war wie­der über­rascht, mit wel­cher Auf­merk­sam­keit und mit wel­chem Inter­es­se die zwei Kur­zen durch die Räu­me lie­fen und Bil­der betrach­te­ten, ste­hen blie­ben und Fra­gen stell­ten, Wen­del­trep­pen hin­auf- und wie­der hin­un­ter stol­per­ten und ver­such­ten, ihre klei­nen Köpf­chen mit Neu­em zu fül­len, das sie in den nächs­ten Tagen im Zelt und auf dem Rad dann bewältigten.

Die Rück­fahrt von Chenon­ceau war zwar flot­ter als erwar­tet, aber da wir erst um 19 h in Amboi­se anka­men, beschlos­sen wir ob der klam­men Vor­rä­te, dort in der Alt­stadt essen zu gehen. Es war zwar ziem­lich tou­ris­tisch und auch nicht beson­ders gut, aber der Hun­ger zwang es rein…

6.8.

Der letz­te Tag war viel zu viel gewe­sen für die Kin­der. Wir beschlos­sen daher beim Früh­stück im Fami­li­en­rat eine Plan­än­de­rung. Wir ver­zich­te­ten auf den Besuch der Gär­ten von Vil­land­ry und schau­en uns lie­ber das Schloss von Amboi­se an, gehen dann am frü­hen Nach­mit­tag ins nahe Frei­bad und radeln am spä­ten Nach­mit­tag die 25 km nach Vou­vray kurz vor Tours.

Das Schloss von Amboi­se ist immer noch sehr beein­dru­ckend, obwohl der „Bür­ger­kö­nig“ Lou­is-Phil­ip­pe im 19. Jhd die meis­ten Gebäu­de hat­te schlei­fen las­sen. Zum Einen, um Platz für einen Gar­ten zu haben direkt am Schloss über der Loire, zum Ande­ren, weil ihm das Geld fehl­te, die mitt­ler­wei­le halb ver­fal­le­nen Gemäu­er aus dem 16. Jhd wie­der zu restau­rie­ren. Amboi­se blickt auf eine lan­ge und sehr bedeu­ten­de Geschich­te als Resi­denz­stadt zurück, in der wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen wur­de, die die Geschich­te des Abend­lan­des nach­hal­tig präg­ten. Wohl auch des­halb konn­te es sich Lou­is-Phil­ip­pe nicht erlau­ben, die Gemäu­er kom­plett zu schlei­fen. Hier atmet jeder Stein Geschich­te. Hier stand schon in kel­ti­scher Zeit eine befes­tig­te Anla­ge, die zwar mehr­fach en Besit­zer wech­sel­te, aber den­noch stän­dig aus­ge­baut wur­de, bis sie im 16. Jhd unter der Bau­wut der Valois zu ihrer gan­zen Pracht aus­ge­baut wur­de. Hier wohn­te bis zu sei­nem Tod auch Leo­nar­do da Vin­ci, den König Franz I. nach Amboi­se geholt hat­te. Sein Grab liegt auf dem Burg­berg in einer klei­nen Kapel­le, die auch den Abriss über­lebt hatte.

Blick von Châ­teau Amboi­se auf die Loire fluss­ab­wärts über die Dächer der Altstadt.
Aus­rüs­tung: Zelt

Obwohl wir mit dem Gedan­ken gespielt hat­ten, uns lang­fris­tig ein Fami­li­en­zelt zuzu­le­gen, weil es doch recht prak­tisch sein kann, bei Regen gemein­sam unter einem Vor­dach zu sit­zen, haben wir uns dage­gen ent­schie­den: Fami­li­en­zel­te sind sper­rig, gera­de für Rad­fah­rer, die das Ding ja auch täg­lich auf- und abbau­en müs­sen. Und sie sind in der Auf­stel­lung unhand­li­cher, weil man weni­ger fle­xi­bel ist. Man benö­tigt eine wesent­lich grö­ße­re Grund­flä­che als bei zwei unab­hän­gi­gen Zel­ten, die nur für 2 – 3 Leu­te jeweils Platz bie­ten. Wer jeden Tag den Zelt­platz wech­selt, soll­te lie­ber meh­re­re klei­ne Zel­te benut­zen. Der Kom­fort­ver­lust wird durch die Fle­xi­bi­li­tät und den ein­fa­che­ren Trans­port mehr als wettgemacht.

Der Tag war wie­der sehr heiß, so dass wir alle bedau­er­ten, aus der Küh­le der mäch­ti­gen Befes­ti­gungs­mau­ern wie­der auf die Stra­ße zu müs­sen. Corin­na, unse­re Lot­sin, nahm auch dies­mal wie­der die klei­nen Neben­stra­ßen statt der offi­zi­el­len Radroute.

Um halb sie­ben waren wir in Vou­vray auf dem Zelt­platz an der lau­schi­gen Cis­se. Lei­der hat­ten alle Läden und Degous­tier-Salons schon geschlos­sen. Ich hät­te ger­ne mal einen ech­ten Wein aus der Gegend probiert.

7.8.

Und in der Nacht brach ein hef­ti­ges Gewit­ter über uns her­ein. Direkt über dem Zelt­platz krach­te der Don­ner, dass selbst Jonas – der einen sehr gesun­den Schlaf hat – davon wach wur­de und Johan­na lei­se „Mama!“ rief. Dann war es auch schon wie­der vorbei.

Es reg­ne­te auch mor­gens noch, hör­te aller­dings rasch auf und der Regen bog auf Jonas’ Wunsch hin vor dem Zelt­platz ab. Wir muss­ten nur leicht feuch­te Zel­te einpacken.

Wir fuh­ren nach Tours, wo wir uns die Kathe­dra­le anse­hen und dann den Nah­ver­kehrs­zug nach Nan­tes neh­men woll­ten. Um noch ans Meer zu kom­men, muss­ten wir die Stre­cke abkür­zen. Mit Kin­dern sind sol­che Ent­fer­nun­gen nicht zu bewäl­ti­gen in der knap­pen Zeit, die wir nur hat­ten. Dies­mal führ­te uns die Fahrt durch die Wein­bau­ge­bie­te der Tou­rai­ne über sehr hef­ti­ge Abfahr­ten und Anstie­ge, bei denen die Mädels das Tan­dem sogar ein­mal schie­ben muss­ten (15% sind bei vol­ler Bela­dung nicht zu fah­ren, da das Rad im Wie­ge­tritt sehr schwam­mig fährt und dadurch nicht mehr zu len­ken ist). Das letz­te Stück nach Tours fuh­ren wir aber dann doch auf der recht wenig befah­re­nen Nationalstraße.

Tours war im Mit­tel­al­ter neben Jeru­sa­lem und Rom der meist besuch­te Pil­ger­ort Euro­pas. Hier lebt im 4. Jhd der hei­li­ge Mar­tin, hier in der Nähe wur­de der Vor­marsch ara­bi­scher Hee­re im 8. Jhd in der Schlacht von Tours und Poi­tiers gestoppt, hier resi­dier­ten die fran­zö­si­schen Köni­ge. Aber das Beson­de­re an Tours sind sein zwei Alt­städ­te. Wo sich sonst eine Stadt im Mit­tel­al­ter um einen Stadt­kern her­um aus­dehn­te, hat­te Tours derer zwei: Ursprüng­lich eine römi­sche Sied­lung, lag vor den Toren der Stadt der alte Fried­hof mit dem Grab des hei­li­gen Mar­tin. Nach der Offen­las­sung der Fried­hofs ent­stand um die Kapel­le und spä­ter Kir­che her­um eine eige­ne klei­ne Sied­lung, die bald an die Gren­zen der Stadt stieß.

Die Kathe­dra­le Saint-Gati­ens (der ers­te Bischof von Tours) ist beein­dru­ckend, ein goti­scher Bau, der zu Beginn des 16. Jhds fer­tig wur­de, als es die Gotik schon fast gar nicht mehr gab. Da die Kir­chen­vä­ter wäh­rend der 300-jäh­ri­gen Bau­zeit aber immer drauf bestan­den, die bereits vor­han­de­ne Bau­sub­stanz zu nut­zen (ver­mut­lich schon auf den Res­ten der kel­ti­schen Kult­stät­te), waren die Bau­meis­ter in ihren Mög­lich­kei­ten sehr ein­ge­schränkt. Sie ist daher nicht unbe­dingt schön und schon gar nicht „aus einem Guss“, aber ein bedeu­ten­des Bei­spiel der Umset­zung christ­lich-mit­tel­al­ter­li­cher Zah­len­mys­tik. Die Kin­der waren auch sehr ange­tan von dem Bau, Johan­na von der Archi­tek­tur und der künst­le­ri­schen Aus­ge­stal­tung, Jonas mehr von den Bau­ge­rüs­ten und den Reno­vie­rungs­ar­bei­ten (der Smog­fraß am wei­chen Loire-Tuff ist deut­lich zu erken­nen), denn das Por­tal im „Flam­boyant“-Stil ist eine Dauerbaustelle …

Lei­der reg­ne­te es wäh­rend unse­rer Besuchs der Kathe­dra­le so stark, dass wir beschlos­sen, direkt zum Bahn­hof zu fah­ren, um eine Fahr­kar­te zu erhal­ten. Wir hät­ten ger­ne noch einen Abste­cher zur Kathe­dra­le des Hei­li­gen Mar­tin gemacht, dem Schutz­pa­tron Frankreichs.

Wir ver­pass­ten trotz­dem den Zug nach Nan­tes und kamen erst gegen 18 Uhr in Nan­tes an. Da es dort kei­nen uns bekann­ten Zelt­platz gibt, such­ten wir die ört­li­che Jugend­her­ber­ge ganz in der Nähe auf. Dort erhiel­ten wir ein Fami­li­en­zim­mer und eine Mit­glied­schaft für ein Jahr. So konn­ten wir am Abend auf einer rich­ti­gen Herd­plat­te in der Gemein­schafts­kü­che unse­re Nudeln kochen und an einem rich­ti­gen Tisch sit­zen. Ist ja auch was.

Die Kathe­dra­le von Tours, St. Gatien

8.8.

Sogar ein Früh­stück gehört zur Über­nach­tung in einer Jugend­her­ber­ge. Selbst wenn man nicht von einer ordent­li­chen Grund­la­ge für Rad­rei­sen­de spre­chen kann, hat­te das ange­bo­te­ne Früh­stück den Vor­teil, dass wir nicht erst zusam­men­pa­cken und auf­wa­schen muss­ten. Wir konn­ten direkt aufbrechen.

Von Nan­tes radel­ten wir zunächst ein gutes Stück durch das Hafen­ge­biet am Nord­ufer der Loire bis zur Fäh­re, die uns auf die ande­re Sei­te und damit einer schö­ne­ren Stre­cke führ­te. Die Tour durch das Hafen­ge­biet bot das wirk­li­che Kon­trast­pro­gramm zur Zeit­lo­sig­keit der Wein­hän­ge und dem mit­tel­al­ter­li­chen Charme der klei­nen Dör­fer. Hier wird einem ande­ren Gott gehul­digt, einem Gott, vor dem es nur Men­schen gibt, die ihm ihre Gesund­heit opfern, ihr Leben und See­le, um der Aner­ken­nung wil­len oder einem schlich­ten Aus­kom­men. Hier gibt es kei­nen Stolz, kei­ne Wür­de und kei­ne Lie­be, hier gibt es Malo­che, Geld und Anpassung.
Die Stra­ßen waren natür­lich nur mäßig, da sie oft von den schwe­ren Last­wa­gen befah­ren wer­den, aber sie brach­ten uns zur Fäh­re, die uns kos­ten­los ans süd­li­che Ufer brin­gen sollte.

Drü­ben ange­kom­men, geneh­mig­ten wir uns erst­mal einen Kaf­fee und Kakao, bevor wir dann gleich zur Mit­tags­brot­zeit über­gin­gen. Da direkt an der Anle­ge­stel­le auch eine klei­ne Bou­lan­ge­rie (Bäcke­rei) war, erstan­den wir ein paar fri­sche Baguettes. Baguette ist immer dann lecker, wenn man lan­ge kein Weiß­brot geges­sen hat und es frisch aus dem Ofen kommt. Nach etwa zwei Stun­den beginnt sich der Geschmack dem tat­säch­li­chen Nähr­wert anzu­nä­hern. Und da es fast nichts ande­res gibt im Land der Fran­ken, hin­gen mir die Baguettes nach einer Woche so der­ma­ßen zum Hals raus, dass ich zu träu­men begann von einem Roggenbrot.

Kochen

Zehn lan­ge Jah­re hat­te uns unser Tran­gia-Spi­ri­tus­ko­cher gute Diens­te geleis­tet. Ob in Kana­da und den USA, wo es beson­ders schwie­rig ist, an Spi­ri­tus zu kom­men, da die Apo­the­ker dort glau­ben, dass man das Zeug säuft, oder in Japan auf Hok­kai­do: der Kocher muss­te mit. Für zwei Leu­te mag das gehen, aber bei vier hung­ri­gen Rad­lern ist es nicht mehr mach­bar, in einer ver­nünf­ti­gen Zeit aus­rei­chend Nudeln oder Schrot zu kochen. So haben wir uns einen Ben­zin­ko­cher von MSR zuge­legt. Auch wenn ich kein Freund der Ver­schwen­dung fos­si­ler Brenn­stof­fe bin: Das Ding heizt rich­tig. Und es ist auch recht gut zu ver­stau­en – das hat­te den Tran­gia immer aus­ge­zeich­net. Mit einem 2,5L-Topf sind wir bei nor­ma­lem Ver­brauch 9 Tage mit einer Brenn­stoff­fla­sche aus­ge­kom­men. Lei­der lässt sich der Ben­zin­ko­cher nicht so gut dosieren.

Es folg­te ein lan­ger und fast gera­der Rad­weg ent­lang des Kanals. Corin­na pflück­te unter­wegs sogar ein paar der ers­ten rei­fen Brom­bee­ren. Recht unspek­ta­ku­lär fan­den wir in Palm­bœuf den Zelt­platz, der wider Erwar­ten trotz der Nähe zum Meer (Palm­bœuf ist ein Wohn­ge­biet, in dem min­des­tens die Hälf­te der Häu­ser Feri­en­häu­ser sind, die die meis­te Zeit des Jah­res leer ste­hen) ziem­lich leer war.

9.8.

Wie wir in der Nacht aller­dings fest­stel­len muss­ten, war der Zelt­platz nicht nur leer, son­dern auch laut, denn neben uns begann eine Grup­pe 20-jäh­ri­ger Fran­zo­sen mit­ten in der Nacht (2:30h) die Aus­gangs­leis­tung des Ghet­to­blas­ters aus­zu­tes­ten, was aller­dings nicht den Zelt­platz­wart auf den Plan rief, son­dern in einer Prü­ge­lei unter Besof­fe­nen eine Stun­de spä­ter ende­te. Glück­li­cher­wei­se haben die Kin­der einen sehr guten Schlaf, wir aber lagen die hal­be Nacht wach – und Wache. Ich hat­te die Befürch­tung, dass die Jungs in betrun­ke­nem Zustand das Ran­da­lie­ren anfan­gen und die umlie­gen­den Zel­te samt Insas­sen in ihre Aus­ein­an­der­set­zun­gen ein­be­zie­hen könn­ten. Selt­sa­mer­wei­se schien das aber Nie­man­den zu küm­mern. Es geschah aber nichts der­glei­chen, außer dass wir Gro­ßen am nächs­ten Mor­gen ent­spre­chend müde waren. Mit ande­ren Wor­ten: der Zelt­platz des Ortes ver­wahr­lost. Nicht zu empfehlen.

Nach dem Früh­stück ging es dann auf die letz­te Etap­pe nach St. Nazai­re am Atlan­tik. Der im Rei­se­füh­rer beschrie­be­ne und auch so aus­ge­schil­der­te Rad­weg war aber ein Feld­weg, der am bes­ten mit unbe­la­de­nen Moun­tain­bikes befah­ren wer­den soll­te. Für uns abso­lut unge­eig­net, wes­halb wir auf die Stra­ße auswichen.

Wir muss­ten über die Pont St. Nazai­re, um wie­der auf die Nord­sei­te der Loire zu gelan­gen. Die Brü­cke spannt sich mehr als 3 km in einem hohen Bogen über die Mün­dung der nun weit sich öff­nen­den Loire. Sie ist die ein­zi­ge Ver­kehrs­ver­bin­dung über die Loire. Sie darf zwar von Rädern befah­ren wer­den, was aber ange­sichts der Tat­sa­che, dass sich auf der sehr stark befah­re­nen Brü­cke die Rad­ler mit den Autos eine Spur tei­len müs­sen, bei uns für einen Anflug von Panik sorg­te. Da wir mit Trets und Gepäck bzw. Tan­dem selbst recht sper­rig waren und mit den vom Ver­kehrs­amt zuge­dach­ten 60 cm Rand­strei­fen nicht aus­ka­men, blo­ckier­ten wir zeit­wei­lig den gesam­ten Ver­kehr. Hin­auf zum Brü­cken­bo­gen, ein Anstieg von 60 Metern, läuft der Ver­kehr auf bei­den Sei­ten zwei­spu­rig, hin­un­ter dann jeweils in einer Spur. Bei einer Stei­gung von schät­zungs­wei­se 8 % bekam Corin­na auf der Abfahrt in Arm­wei­te der vor­bei­fah­ren­den Autos einen Krampf in den Armen, da ein ein­zi­ger Fahr­feh­ler fatal gewe­sen wäre. Johan­na ver­hielt sich mus­ter­gül­tig und ver­hielt sich still, um kei­ne zusätz­li­chen Schlen­ker zu verursachen.

Aber was in Deutsch­land für Hup­kon­zer­te und wüs­te Beschimp­fun­gen gesorgt hät­te, bewirk­te in Frank­reich nur auf­mun­tern­de Anfeue­rungs­ru­fe. Man roll­te neben uns und rief uns in dem ohren­be­täu­ben­den Ver­kehrs­lärm Glück­wün­sche zu und gab uns Durch­hal­te­pa­ro­len mit. Ils sont fous, les Français.

Eine Kai für U-Boo­te der deut­schen Mari­ne im zwei­ten Welt­krieg. Hier konn­ten zwei Boo­te anle­gen. Im Hin­ter­grund die Ausfahrt.

Wir kamen alle wohl­be­hal­ten im Hafen­ge­biet von St. Nazai­re an. Der Hafen war einer der größ­ten Über­see­hä­fen Frank­reichs im letz­ten Jahr­hun­dert, hier hat­ten die deut­sche Besat­zungs­trup­pen einen gro­ßen U-Boot-Hafen im Hafen­be­cken errich­tet, um von hier die Fracht­schif­fe der Alli­ier­ten im Nord­at­lan­tik zu ver­sen­ken. Die­ser U-Boot-Hafen war aus sol­chen Unmen­gen an Beton und Stahl gegos­sen wor­den, dass er auch heu­te noch fast unbe­schä­digt steht. Wäh­rend hier im Zwei­ten Welt­krieg die Stahl­sär­ge ihre tod­brin­gen­de Fracht auf­nah­men, wer­den in den Lager­hal­len heu­te Kon­zer­te auf­ge­führt. Und ein U-Boot-Muse­um gibt es auch, das wir unse­ren Kin­dern nicht vor­ent­hal­ten wollten.

Immer noch der 9.8.

Direkt gegen­über der alten U-Boot-Schleu­se liegt an den alten Docks fest ange­schraubt die „Espa­don“ ein aus­ge­mus­ter­tes fran­zö­si­sches U-Boot derNar­val-Klas­se, das zu einem Muse­um umge­baut wur­de, indem man in das Deck zwei Öff­nun­gen geschnit­ten hat, durch die man über eine Lei­ter in das Inne­re des Schif­fes unter Was­ser gelangt. Wer ein­mal in den Bava­ria-Film­stu­di­os in Mün­chen durch die Boots­at­trap­pe des Films „Das Boot“ geführt wur­de, bemerkt die Ähn­lich­kei­ten und kann sich auch die beklem­men­de Stim­mung und die Geräu­sche und Gerü­che vor­stel­len, die uns dort emp­fin­gen. Wir hat­ten dem Besuch die­ses Fahr­zeugs kei­ne wei­te­re Bedeu­tung zuge­mes­sen. Erst an der Reak­ti­on unse­rer Kin­der und dem Gemisch aus Fas­zi­na­ti­on und Abscheu erkann­ten wir die Ein­drück­lich­keit der Erfah­rung. Und auch die Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men von uns Erwach­se­nen, die einer sol­chen Flut an Emo­tio­nen ihre Ratio ent­ge­gen­set­zen und abwä­gend die Gefah­ren und Mög­lich­kei­ten beur­tei­len wol­len. Wir konn­ten es nicht. Ein U-Boot ist trotz sei­nes Ein­sat­zes für die Tief­see­for­schung in ers­ter Linie eine hoch­spe­zia­li­sier­te Waf­fe, dar­auf aus­ge­rich­tet, mög­lichst vie­le Men­schen zu töten. Und das ist kei­ne abs­trak­te Dar­stel­lung; an Bord eines sol­chen Schif­fes spürt man das durch die Poren.

Und auch für die Kin­der war es wich­tig zu sehen, was Men­schen sich antun kön­nen, wenn die laten­te Aggres­si­on kana­li­siert, orga­ni­siert und fokus­siert wird. Wir sind im Frie­den auf­ge­wach­sen. Ich konn­te noch mit mei­nem Groß­va­ter über sei­ne Erfah­run­gen im Krieg reden, mei­ne Kin­der kön­nen es nicht mehr. Aber zu ahnen, wie es „auf der dunk­len Sei­te“ aus­se­hen kann, das soll­te man ihnen nahe­brin­gen. Auch um ihnen begreif­lich zu machen, wel­che Gna­de es bedeu­tet, im Frie­den leben zu dürfen.

Hin­ter St. Nazai­re benutz­ten wir die Küs­ten­stre­cke nach Por­ni­chet, wo wir die Zel­te auf­schla­gen woll­ten. Küs­ten­stre­cke ent­lang des Atlan­tiks bedeu­te­te, immer an der (bebau­ten) Küs­te ent­lang Hügel hin­auf- und hin­un­ter zu radeln. Der ers­te Zelt­platz „Bel Air“, den wir fan­den, lag zwar nahe am Meer, hat­te aber glück­li­cher­wei­se kei­nen Platz mehr für uns (zumin­dest stand das so am Ein­gang). Glück­li­cher­wei­se des­halb, weil dort der Bär tanz­te. Es war Sams­tag Abend und halb Frank­reich macht am Atlan­tik Feri­en. Aus­ge­schla­fen wird dort ver­mut­lich erst wie­der zu Hause …

Wir fan­den dann einen wesent­lich lau­schi­ge­ren Zelt­platz (Les Lori­et­tes) ober­halb der Küs­ten­be­sied­lung, wo wir die Zel­te unter Bäu­men auf­stell­ten und uns auf eine ruhi­ge Nacht freuten.

10.8.

Die­sen Tag vor der Rück­fahrt woll­ten wir den Kin­dern schen­ken, denn ein Strand­ur­laub ist so nor­ma­ler­wei­se nicht unse­re Sache. Die Kur­zen hat­ten bis hier­her so tap­fer und klag­los durch­ge­hal­ten, hat­ten ein Gewit­ter im Zelt erlabt, Schlös­ser und Kir­chen besich­tigt, hat­ten bei teil­wei­se unan­ge­neh­men Gegen­wind tüch­tig mit­ge­stram­pelt, die Zel­te mit auf­ge­baut und sich von tro­cke­nem Baguette ernährt, wenn unter­wegs der Hun­ger zwickte.

Der Strand von Por­ni­chet. Man­chen Men­schen ist die Was­ser­tem­pe­ra­tur egal…

Vor allem Jonas war am Ende sei­ner Kräf­te mit vier­ein­halb Jah­ren. Und auch Johan­na brauch­te drin­gend eine Pau­se. Heu­te bau­ten wir Bur­gen und sam­mel­ten Muscheln. Lei­der nie­sel­te es am Mor­gen leicht, so dass wir im Zelt früh­stü­cken muss­ten. Aber immer­hin gab es fri­sches Baguette, denn der Bäcker belie­fert in der Sai­son jeden Mor­gen die Cam­per. Am spä­ten Vor­mit­tag ließ der Sprüh­re­gen nach und wir gin­gen zum Strand hinunter.

Wäh­rend Johan­na und ich über die Klip­pen klet­ter­ten und nach schö­nen Muscheln Aus­schau hiel­ten, began­nen Corin­na und Jonas mit dem Bur­gen­bau, den wir im Lau­fe des Tages soweit ver­fei­nert hat­ten, dass wir uns an eine Groß­an­la­ge wag­ten, die einen gan­zen Fel­sen bedeck­te. Und zwi­schen­durch muss­ten wir auch ins Was­ser. Lei­der ist der Wind dort so durch­drin­gend, dass man schnell abkühlt. Am frü­hen Nach­mit­tag tran­ken wir alle Kaf­fee und Kakao, weil wir durch das Was­ser und den Wind ziem­lich durch­ge­fro­ren waren. Dann aber kam die Son­ne zum Vor­schein und Johan­na ließ es sich nicht neh­men, wie­der ins Was­ser zu gehen.

Lite­ra­tur

Unser Haupt­rei­se­be­glei­ter war das Bikeli­ne-Taschen­buch „Loire-Rad­weg“, in dem lei­der nicht alle Cam­ping­plät­ze ein­ge­zeich­net sind. Eine ande­res Buch die­ser Rei­he hat­te uns letz­tes Jahr recht gute Diens­te ent­lang der Donau geleis­tet. Um aber der kul­tu­rel­len und geschicht­li­chen Dimen­si­on der Loire gerecht zu wer­den, muss­te natür­lich noch ein Dumont-Rei­se­füh­rer „Tal der Loire“ ins Gepäck.

Corin­na und ich hat­ten die Sta­tio­nen anhand des Rad­we­ge­füh­rers bereits im Vor­feld errech­net, um die Etap­pe kind­ge­recht bei maxi­mal 50 km zu hal­ten und Zeit für die Attrak­tio­nen ent­lang des Wegs zu haben.

Abends zogen wir dann alle ein klein wenig bles­siert zum Zelt zurück: Johan­na und Corin­na hat­ten sich beim Baden an den scharf­kan­ti­gen Stei­nen im Was­ser die Füße ver­kratzt und ich mir die Brust beim „Body­sur­fing“ (Wobei man bei den klei­nen Wel­len nicht weit kommt. Aber Spaß macht es trotzdem.)

11.8.

Heu­te ist der Tag der Rück­fahrt von der Küs­te in den „Gar­ten Frank­reichs“. Am Bahn­hof von Por­ni­chet aller­dings folg­te die ers­te Ernüch­te­rung und Her­aus­for­de­rung für unser Impro­vi­sa­ti­ons­ge­schick: Der ers­te Zug, der auch Fahr­rä­der mit­nimmt, fährt erst um 16.00 Uhr! Da es 11.00 Uhr war, hät­ten wir nicht nur den Tag ver­lo­ren, son­dern auch den Anschluss nach Paris.

Also radel­ten wir nach St. Nazai­re zurück, in der Hoff­nung, dort einen frü­he­ren Zug zu erwi­schen. Da das Bahn­per­so­nal aber bereits den Zustand der deut­schen Bah­nen in zwei Jah­ren vor­weg­nimmt, saßen hin­ter dem Schal­ter eigent­lich nur sehr net­te und hilfs­be­rei­tes, aber extrem inkom­pe­ten­te Mit­ar­bei­ter. Dies gepaart mit einer ordent­li­chen Por­ti­on Des­or­ga­ni­sa­ti­on führ­te dazu, dass wir uns auf der Stre­cke nach Paris irgend­wie durch­han­geln mussten.

Ein­schub: Man mag ja über die deut­sche Bahn sagen was man möch­te, aber allen Bemü­hun­gen zum Trotz haben wir hier immer noch eines der bes­ten Schie­nen­net­ze und Fahr­plä­ne welt­weit. Wie lan­ge das aller­dings gut­ge­hen soll, wis­sen nur Die­je­ni­gen, die dar­über ent­schei­den ohne jemals mit der Bahn gefah­ren zu sein – zumin­dest nicht in ver­schie­de­nen Län­dern (Oder kann sich jemand unse­ren Ver­kehrs­mi­nis­ter auf der Stre­cke zwi­schen Padua und Genua oder zwi­schen Nan­tes und Mar­seil­le im Zug vorstellen?).

Also wer­den wir in Tours in die Jugend­her­ber­ge gehen und von dort am kom­men­den Tag nach Paris wei­ter­fah­ren. Der Vor­teil ist dabei, dass wir nicht zusam­men­pa­cken müs­sen am Mor­gen und so locker eine Stun­de gewinnen.