So. da ist sie nun wie­der, die merk­wür­di­ge Debat­te über Jugend­kri­mi­na­li­tät, -gewalt und Com­pu­ter­spie­le sowie Schul­bil­dung. Die Innen­se­na­to­ren der Län­der sind in die­ser Hin­sicht arme Schwei­ne: An ihnen bleibt die Debat­te kle­ben, sie sind schließ­lich für die „inne­re Sicher­heit“ zustän­dig1.
Da hat sich nun wie­der einer der deut­schen Innen­mi­nis­ter2 gemel­det und von sich gege­ben, man möge die öffent­lich zugäng­li­chen Com­pu­ter­spie­le aus­schal­ten, damit die Schü­ler nicht des­we­gen die Schu­le schwänz­ten und ihnen dar­aus eine kri­mi­nel­le Kar­rie­re erwüch­se.

Fern­blei­ben von der Schu­le kön­ne der Beginn einer kri­mi­nel­len Kar­rie­re sein, sag­te der Ham­bur­ger Innen­se­na­tor Udo Nagel. «Nicht jeder Schul­schwän­zer wird kri­mi­nell, aber alle Kri­mi­nel­le haben irgend­wann mal die Schu­le geschwänzt», erklär­te der par­tei­lo­se Poli­ti­ker. Zudem sol­len nach einem Bericht der «Welt am Sonn­tag» Kauf­häu­ser und Elek­tro­nik­märk­te auf­ge­for­dert wer­den, wäh­rend der Schul­zeit ihre Spiel­kon­so­len abzu­schal­ten. (net­zei­tung)

Nun hal­te ich auch Com­pu­ter­spie­le nicht für unbe­dingt effek­tiv, die Bil­dung der Bevöl­ke­rung aus­zu­wei­ten — das gilt übri­gens mei­ner Mei­nung nach auch für ca. 99% aller mir bis­her unter­ge­kom­me­nen „Lern­spie­le“ — und ich fin­de es auch gut, wenn man Leu­te nicht unun­ter­bro­chen damit her­um­dad­deln lässt, weil sie ein gewis­ses Sucht­po­ten­zi­al ent­wi­ckeln: es lässt sich damit näm­lich pri­ma „weg­bea­men“, sprich die Rea­li­tät aus­blen­den.
Hier aber einen fak­ti­schen Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen Schul­schwän­zen, Com­pu­ter­spie­len und Kri­mi­na­li­tät her­zu­stel­len, ist gewagt, wenn nicht wirk­lich­keits­fremd und ver­lo­gen. Schü­ler schwän­zen die Schu­le nicht nur, um dann mit dem Com­pu­ter her­um zu spie­len, son­dern weil sie aus unter­schied­li­chen Grün­den in der schu­li­schen Kar­rie­re für sich kei­ne Per­spek­ti­ve erken­nen kön­nen. Es ist also ein Pro­blem des Bil­dungs­sys­tems3. Es ist auch ein Pro­blem der Ver­ant­wor­tung der Erzie­hungs­be­rech­tig­ten, sich um die Bil­dungs­kar­rie­re ihrer Kin­der zu küm­mern4.
Jetzt argu­men­tiert so ein Innen­mi­nis­ter also nur unter einem sehr beschränk­ten Blick­win­kel und unter sehr ein­ge­schränk­ten Zustän­dig­kei­ten: er sieht die „inne­re Sicher­heit“ gefähr­det — wenn auch nur poten­zi­ell — und will den Anfän­gen weh­ren. Das ist ja auch schön. Nur soll­te er sich dann viel­leicht mal mit sei­nen Kol­le­gen aus den ande­ren Res­sorts zusam­men set­zen und sich Gedan­ken über eine wirk­lich nach­hal­ti­ge Lösung des Pro­blems der Jugend­kri­mi­na­li­tät küm­mern, statt Zusam­men­hän­ge zu kon­stru­ie­ren, die offen­sicht­lich an den haa­ren her­bei gezo­gen sind. Ich habe so näm­lich eher den Ein­druck, dass sich da jemand pro­fi­lie­ren will auf Kos­ten einer Bevöl­ke­rungs­grup­pe, die er nie gese­hen hat.


  1. Wer sich mal damit beschäf­ti­gen möch­te, sei auf Michel Fou­cault „Über­wa­chen und Stra­fen“ ver­wie­sen. Ein sehr inter­es­san­tes Buch zur Ver­in­ner­li­chung gesell­schaft­li­cher Kon­ven­tio­nen und den Mög­lich­kei­ten und Maß­nah­men der Gesell­schaft, die­se auch durch­zu­set­zen. 

  2. ein gewis­ser Poli­zei­be­am­ter Udo Nagel aus Bay­ern, der sei­nem kok­sen­den Zieh­va­ter Ronald Schill nach­ei­fern möch­te 

  3. für das ein Innen­mi­nis­ter nicht zustän­dig ist, ich weiß… 

  4. Das ist dann ein fami­li­en­po­li­ti­sches Pro­blem, um das sich ein Innen­mi­nis­ter auch nicht zu küm­mern hat, ich weiß.