Es ist bezeich­nend, dass es in der deut­schen Com­pu­ter­ter­mi­no­lo­gie für den Begriff des »User Inter­face« eigent­lich kei­ne adäqua­te Über­set­zung gibt. Meist wird der Begriff »Bedien­ober­flä­che« oder »Benut­zer­ober­flä­che« ver­wen­det, als ob es sich nur um eine Lack­schicht han­delt, die mit der Funk­ti­on nichts zu tun hat.

Zitat:
»Soft­ware lässt sich auf zwei ver­schie­de­ne Arten ent­wi­ckeln: Der eine Weg ist, sie so ein­fach zu gestal­ten, dass sie offen­sicht­lich kei­ne Män­gel hat, der ande­re Weg ist, sie so kom­pli­ziert auf­zu­bau­en, dass die Män­gel nicht offen­sicht­lich sind. Dabei ist der ers­te Weg sehr viel schwie­ri­ger.«
Tony Hoare

Lite­ra­tur:

Tipp:
Erstel­len Sie zunächst ein »Mock-Up«, einen Pro­to­ty­pen der Bild­schirm­dar­stel­lung, der zwar Inter­ak­ti­on zulässt, aber kei­ne Pro­gram­me aus­führt, und tes­ten Sie ihn an fünf Per­so­nen, die als Benut­zer in Fra­ge kom­men könn­ten. Damit fan­gen Sie erfah­rungs­ge­mäß ca. 95% der Schwach­stel­len ab, bevor Sie auf­wän­dig umpro­gram­mie­ren müs­sen.

Das ist natür­lich eben­so deutsch wie kurz­sich­tig, denn hin­ter dem eng­li­schen Begriff ver­birgt sich die Kern­aus­sa­ge, dass es hier um die wich­tigs­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schnitt­stel­le zwi­schen Mensch und Maschi­ne geht. Nun ist der Begriff der »Schnitt­stel­le« auch nicht viel bes­ser, denn es soll ja nichts geschnit­ten wer­den, son­dern ver­bun­den: die Umset­zung der Befehl des Benut­zers in eine Spra­che, die der Com­pu­ter ver­steht und aus­führt. Und wie­der zurück: die Tätig­kei­ten des Com­pu­ters, die für die Benut­zer wich­tig sind, wer­den ange­zeigt. Der Anzei­ge auf dem Bild­schirm ist die ein­zi­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form, sie ent­schei­det über die erfolg­rei­che Bedie­nung der Maschi­ne – und damit den Wert des Com­pu­ters für den Benut­zer.

Mit der rasan­ten Ver­brei­tung des World Wide Web und der explo­si­ons­ar­ti­gen Zunah­me der Domains und der Web­sites für die kom­mer­zi­el­le Nut­zung ent­stand auch ein – zunächst aka­de­mi­sches – Bedürf­nis nach einer kla­ren Unter­schei­dung zwi­schen »gutem« und »schlech­tem« Inter­face Design. Rasch war deut­lich, dass Web­sites, die auf­grund eines »schlech­ten« GUI (Gra­phi­cal User Inter­face, Gra­fi­sche Benutzeroberfläche/​grafische Benut­zer­schnitt­stel­le) kei­ne Besucher/​Benutzer anlock­ten, kei­nen Umsatz gene­rier­ten.

Nun ist aber die kom­mer­zi­el­le Nut­zung des Inter­nets nur ein Blick­win­kel unter hun­der­ten, um die Inter­ak­ti­on zwi­schen Mensch und Maschi­ne auf dem Bild­schirm zu beschrei­ben. Die Erkennt­nis­se zur »Usa­bi­li­ty« der Web­sites führ­ten denn auch zu erkenn­ba­ren Ver­bes­se­run­gen bei der Dar­stel­lung und Funk­tio­na­li­tät der Web­sites. Mitt­ler­wei­le sind die meis­ten grö­ße­ren Web­sites nach dem Prin­zip des umge­dreh­ten »U« auf­ge­baut: Navi­ga­ti­on oben, Ori­en­tie­rung links und Zusatz­in­for­ma­tio­nen rechts. Das ist auch rich­tig so, denn der Benut­zer erwar­tet nicht, zu unge­wöhn­li­chen Aktio­nen ver­lei­tet zu wer­den, wenn er den Inhalt erfas­sen möch­te.

Nur sind Web­sites recht ein­ge­schränkt in der ech­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on, denn die Ein­griffs­mög­lich­kei­ten des Benut­zers auf die Dar­stel­lung sind sehr beschränkt, er ver­fügt über fast kei­ne Mög­lich­kei­ten, durch Ver­än­de­rung des GUI die Kom­mu­ni­ka­ti­on zu opti­mie­ren. Dar­aus resul­tiert die Gleich­ar­tig­keit der Web­sites: Für den Benut­zer ist kein zusätz­li­cher Auf­wand nötig, die ele­men­ta­ren Funk­tio­nen der Inter­net­sei­te zu erfas­sen – er kann sich auf sei­ne Tätig­kei­ten kon­zen­trie­ren.

Die­sem Anspruch wer­den in zuneh­men­den Maß die Inter­net­sei­ten gerecht – jedoch meist nur sie. Da Com­pu­ter­nut­zer nicht die meis­te Zeit im Inter­net unter­wegs sind, son­dern schlich­ten Auf­ga­ben nach­ge­hen und die Maschi­ne pro­duk­tiv ein­set­zen wol­len, müss­ten ent­spre­chend hohe Ansprü­che an die von ihnen benutz­ten GUIs gestellt wer­den. Wer­den aber nicht. Da wer­den Touch­screens ein­ge­setzt mit Benut­zer­ober­flä­chen, die nicht nur ortho­gra­fisch falsch sind, son­dern auch inkon­sis­tent.

Nehmen wir mal ein – fiktives – Beispiel:

Der Benut­zer möch­te die Hel­lig­keit der Bild­schirm­an­zei­ge erhö­hen, da er auf­grund der Son­nen­ein­strah­lung fast nichts erkennt. Eine nicht wirk­lich pro­duk­ti­ons­kri­ti­sche Ein­stel­lung – vor­aus­ge­setzt, er über­sieht dadurch nicht recht­zei­tig einen Feh­ler. Er sucht also im Menü nach einem Begriff wie »Ein­stel­lung«, fin­det aber als nahe lie­gen­den Begriff »Ser­vice«, also War­tung durch einen Tech­ni­ker des Her­stel­lers. Da die ande­ren Begrif­fe in der Menü­leis­te (sin­ni­ger­wei­se unten am Bild­schirm, wo man die Navi­ga­ti­on zuletzt ver­mu­tet) noch weni­ger Sinn machen, wählt er »Ser­vice« und gerät auf eine Sei­te, die ihm wei­te­re Ange­bo­te macht: »Hand­be­trieb«, »Halb­au­to­ma­tik«, »Trou­ble­shoo­ting« (Stö­rungs­be­he­bung; eine plötz­li­che sprach­li­che Inkon­sis­tenz). Ein­stel­lun­gen kann man eigent­lich nur machen, wenn nichts auto­ma­tisch läuft, also wählt der Benut­zer »Hand­be­trieb«. Da die­se Über­le­gun­gen ihre Zeit brau­chen, haben wir für zwei­mal Tip­pen auf den Bild­schirm etwa drei Minu­ten gebraucht.

Nach wei­te­ren Minu­ten der ein­ge­hen­den Bild­schirm­be­trach­tung stellt der Benut­zer fest, dass man im Menü »Ser­vice« zwar vie­les ein­stel­len kann, aber nicht die Hel­lig­keit des Bild­schirms. Auf eine Online-Hil­fe wur­de aus Kos­ten­grün­den ver­zich­tet, das Pro­gramm sei »selbst­er­klä­rend«. Spä­tes­tens jetzt gibt der Benut­zer auf. Der hin­zu­ge­ru­fe­ne Pro­gram­mie­rer erklärt ihm, er hät­te nur auf »Trou­ble­shoo­ting« tip­pen müs­sen, dann fän­de er meh­re­re Menüs, dar­un­ter »Hard­ware« und »Soft­ware«. Bei Soft­ware wie­der­um sol­le er auf »Dis­play« tip­pen, dann fän­de er die Opti­on »Anpas­sen« und dar­un­ter »Dar­stel­lung«. Fünf­mal tip­pen. – Aber nur, wenn man weiß, wo.

An den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen, fin­den Sie? Jetzt über­treibt er aber, sagen Sie? Na, dann schau­en sie sich doch mal an, wie man einen Dru­cker ein­rich­tet oder einen sau­be­ren Scan hin­be­kommt. Ohne Assis­ten­ten wären Sie auf­ge­schmis­sen. Sie kön­nen Ihren DVD-Play­er kon­fi­gu­rie­ren? Wie lan­ge haben sie dazu gebraucht? Bei einem neu­en Modell fan­gen Sie wie­der von vor­ne an.

Dabei gibt es Erfah­run­gen, Tests und Stu­di­en. Es gibt sogar Vor­schlä­ge und Richt­li­ni­en, die es dem Benut­zer erleich­tern sol­len, mit der Maschi­ne zu kom­mu­ni­zie­ren. Das Pro­blem ist meist jedoch, dass dies gar nicht als Pro­blem wahr­ge­nom­men wird, denn die Pro­gram­mie­rer ken­nen sich aus, und die Leu­te, die die Maschi­ne kau­fen, sind nicht die­je­ni­gen, die sie bedie­nen.

Aber beden­ken Sie, dass ein gutes Inter­face Design nicht in fünf Minu­ten so »neben­bei« ent­wi­ckelt wird …