Nicht alles im Leben, was auf den ers­ten Blick ein­fach erscheint, ist auch auf lan­ge Sicht zweck­mä­ßig und für alle Betei­lig­ten von Nut­zen. In der tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on hält sich so auch eisern die Ansicht, dass num­me­rier­te Abschnit­te und Kapi­tel dem Benut­zer eine kla­re Ori­en­tie­rung und Benutz­bar­keit der Doku­men­ta­ti­on ermöglichen.

Bevor es zu Miss­ver­ständ­nis­sen kommt:
Es geht hier um eine auf­ge­bläh­te Num­me­rie­rung, nicht um eine zweck­mä­ßi­ge. Hand­lun­gen, die einer bestimm­ten Rei­hen­fol­ge genü­gen sol­len und die teil­wei­se rekur­siv aus­ge­führt wer­den („Falls das Lämp­chen leuch­tet, wie­der­ho­len sie Schritt 4.“) ste­hen hier nicht zur Debatte.

Auch sind Kapi­tel­num­mern sinn­voll, wenn sie sich in der Sei­ten­zahl wider­spie­geln: Kapi­tel 3 beginnt mit der Sei­ten eben auch bei 3-…

Meist wer­den vier Berei­che genutzt, sei­ne Zah­len „an den Mann“ zu bringen:

  • Abschnitts- und Kapitelnummerierungen
  • Hand­lungs­an­wei­sun­gen
  • Bild­num­me­rie­run­gen
  • Tabel­len­num­me­rie­run­gen

Unab­hän­gig von der Soft­ware wer­den dazu Zah­len- und Buch­sta­ben­kon­struk­te erzeugt (manch­mal auch bei­des kom­bi­niert), die der ver­schach­tel­ten und kom­ple­xen Mate­rie soweit als mög­lich gerecht wer­den sol­len. Es hat sich dazu schon her­um­ge­spro­chen, dass eine Abschnitts­tie­fe, die mehr als drei Num­mern­krei­se umfasst („1.2.2“), vom Leser nicht mehr recht wahr­ge­nom­men wird, da er sich die Zah­len­fol­ge ab vier Zif­fern nicht mehr rich­tig mer­ken kann. (Auf die­se Unsit­te gehe ich daher nicht ein.) Um das Pro­blem zu umge­hen, wer­den jedoch häu­fig zusätz­lich Begrif­fe („Abbil­dung“) ver­wen­det, die ins­be­son­de­re in den Bild­num­me­rie­run­gen ihr Unwe­sen trei­ben („Abbil­dung 1.2.2.a“).

Zusätz­lich wer­den die Tabel­len ent­spre­chend erfasst („Tabel­le 1.2.2.a“), von den Hand­lun­gen ganz zu schwei­gen. Aber schon bei den Tabel­len beginnt die Unge­mach, denn die Fra­ge ent­steht, ob sie wie Bil­der num­me­riert oder doch lie­ber eine eige­ne Num­me­rie­rung haben sol­len. Begrün­det wird die­ser Auf­wand schließ­lich mit dem Hin­weis, dass der Leser/​Benutzer die Num­me­rie­run­gen benö­ti­ge, um sich rascher zurecht zu fin­den, als ihm dies mit Kapi­tel- oder Abschnitts­ti­teln mög­lich sei, da die Zah­len kür­zer sind.

Daher wer­den dann die Quer­ver­wei­se neben den obli­ga­to­ri­schen Sei­ten­zah­len mit den pas­sen­den Zah­len geschmückt, um Unge­tü­me ent­ste­hen zu las­sen, die sich wie die Lot­to­zah­len lesen: „Sie­he Abbil­dung 1.2.2.a und Tabel­le 1.2.2.a.1 auf Sei­te 3?46“. Haben Sie sich das jetzt mer­ken kön­nen? Wo schau­en Sie nach? Auf Sei­te 3?46? Rich­tig! Und war­um? Weil das an letz­ter Stel­le steht, mit­hin im ange­spro­che­nen Kurz­zeit­ge­dächt­nis noch haf­ten geblie­ben ist. Die ande­ren Zah­len haben sie über­le­sen. Ist ja nicht schlimm, Sie fin­den die Stel­le wahr­schein­lich trotz­dem, wenn es nur ein Bild und eine Tabel­le auf die­ser Sei­te gibt. Falls es jedoch meh­re­re Bil­der geben soll­te, müss­ten Sie wie­der zurück blät­tern zum Quer­ver­weis. Pech, wer die Sei­te schon zuge­schla­gen und den Fin­ger raus­ge­nom­men hat…

Um das zu umge­hen, ver­sucht man, par­al­lel zum Zah­len­ge­dächt­nis das Begriffs­ge­dächt­nis des Lesers zu akti­vie­ren: Neben der Abschnitts­num­mer den Titel im Quer­ver­weis zu nen­nen („Sie­he Abbil­dung 1.2.2. „Was­ser­pum­pe“ und Tabel­le 1.2.2.a.1 „Legen­de“ auf Sei­te 3?46″). Nun aber schüt­ten wir das Kind mit dem Bad aus: Der Quer­ver­weis wird näm­lich so lang, dass ihn der Leser über­haupt nicht mehr ver­steht, denn er muss jetzt die leicht zu mer­ken­den Inhal­te (Abschnitts­ti­tel und Sei­ten­zahl) aus einem Dickicht her­aus­klau­ben, bevor er zu blät­tern begin­nen kann. Das ist nicht benutzerfreundlich.

Also strei­chen wir den Quer­ver­weis auf die benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen wie­der zusam­men („Sie­he Abbil­dung „Was­ser­pum­pe“ auf Sei­te 3?46″). Na pri­ma, geht doch.

Wozu aber habe ich jetzt die Abschnitts-, Bild- und Tabel­len­num­mern? Sie erfül­len nur noch den Zweck, den Inhalt in eine logi­sche Rei­hen­fol­ge zu brin­gen. Halt, falsch: sie sol­len das sug­ge­rie­ren, denn ob der Inhalt auch eine Rei­hen­fol­ge erfüllt, die auch für den Leser zweck­mä­ßig ist, ergibt sich aus dem situa­ti­ven Kon­text: Wenn ich das Getrie­be erst abschrau­ben muss, um an die För­der­schne­cke zu kom­men, ist es voll­kom­men rich­tig, den Abschnitt „Getrie­be abschrau­ben“ vor den Abschnitt „För­der­schne­cke aus­bau­en“ zu set­zen. Aber muss ich dann auch ent­spre­chend num­me­rie­ren? Wenn ich das Getrie­be doch bereits aus­ge­baut habe, kann ich den Abschnitt eben­so gut über­sprin­gen. Die Num­me­rie­rung löst dann eher Ver­wir­rung aus als dass sie mir wei­ter­hilft, denn ich hät­te immer das Gefühl, etwas Wich­ti­ges über­se­hen zu haben, da ich die vor­ge­ge­be­ne Rei­hen­fol­ge nicht ein­ge­hal­ten habe.

Wir sind als Leser so kon­di­tio­niert, dass wir uns an eine Num­me­rie­rung hal­ten.Wer „1.2.2“ liest, erwar­tet, dass der Inhalt unter Abschnitt 1.2.3 dar­auf auf­baut – selbst wenn er das nicht tut. Im Umkehr­schluss lese ich nicht zuerst 1.2.2, ohne 1.2.1 über­flo­gen zu haben. Gutes redak­tio­nel­les Arbei­ten bedeu­tet aber auch, den Leser nicht mit Infor­ma­tio­nen zu über­frach­ten, die er nicht benö­tigt. Wenn in 1.2.1 etwas steht, was ich als Anwen­der in 1.2.2 wis­sen muss, muss ich es in 1.2.2 auch lesen statt mei­ne Zeit damit zu ver­trö­deln, mich durch den gesam­ten Abschnitt 1.2.1 zu wüh­len. Wenn es nur dort steht, hat der Redak­teur etwas falsch gemacht, denn die Infor­ma­ti­on soll­te dort sein, wo sie benö­tigt wird.

War­um also ver­wen­det man dann die Num­me­rie­rung, wenn sie kei­ne auf­ein­an­der auf­bau­en­de Infor­ma­ti­on ver­mit­teln soll? Genügt dann nicht die Über­schrift? Mei­ne Erfah­rung dazu ist über­ra­schend: ich las­se die Num­mern weg (sie­he Abbil­dung oben) – und es ist den Benut­zern noch nicht mal aufgefallen…