Nun sicher, Pro­dukt­haf­tungs- und Gerä­te­si­cher­heits­richt­li­ni­en kom­men und gehen, Maschi­nen und Anla­gen wer­den genau­so gefer­tigt wie die Kon­sum­gü­ter, die damit her­ge­stellt wer­den. Und für alle wer­den natür­lich tech­ni­sche Doku­men­ta­tio­nen nach den gän­gi­gen und ver­lang­ten Stan­dards erstellt und mit den Maschi­nen (oder zumin­dest kurz dar­auf) ver­teilt. Da aber beginnt die Krux: was ist eine tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on und wer erstellt sie?

Unbe­ein­druckt von euro­päi­schen Nor­men wird in der deut­schen Land­schaft des Anla­gen- und Son­der­ma­schi­nen­baus unter der tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on nicht unbe­dingt eine pro­dukt­be­glei­ten­de Infor­ma­ti­on ver­stan­den, die dem Betrei­ber eine siche­re und effi­zi­en­te Bedie­nung und Hand­ha­bung sei­nes Pro­dukts ermög­licht, son­dern je nach Her­kunft und Betrieb etwas ande­res:

  • bei den Kon­struk­teu­ren besteht eine tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on aus einem Berg sorg­fäl­tig geplot­te­ter Zeich­nun­gen und Skiz­zen, die je nach tech­ni­scher Aus­rüs­tung auch iso­me­trisch oder sonst­wie räum­lich sein kön­nen.
  • bei den Ver­fah­rens­tech­ni­kern liegt der Schwer­punkt dage­gen mehr auf den kom­pri­mier­ten che­misch-tech­ni­schen Zusam­men­hän­gen und dem Hin­ter­grund­wis­sen, dass für ein tie­fe­res Ver­ständ­nis sicher­lich not­wen­dig sein mag, den Bedie­ner jedoch ohne ein vor­aus­ge­hen­des Stu­di­um erdrückt.
  • in der Mar­ke­ting- und Ver­triebs­ab­tei­lung, die die­ses Pro­dukt erfolg­reich ver­kauft hat, ist die Ziel­set­zung eine Besänf­ti­gung der »Nach­kau­freue«, die sich beim Betrei­ber ein­stel­len könn­te, wenn er fest­stel­len soll­te, dass die aus­ge­ge­be­ne Sum­me in kei­nem Ver­hält­nis zu der ange­prie­se­nen Leis­tung oder dem eige­nen geschäft­li­chen Erfolg steht. Die­sem Umstand begeg­net man am bes­ten mit Sta­tis­ti­ken zur Kun­den­zu­frie­den­heit und all­ge­mei­nen Aus­sa­gen zum »Return-on-invest­ment« (ROI) in der Form lan­ger Tabel­len und abs­trak­ter »Charts« mit bun­ten Männ­chen auf Hoch­glanz­pa­pier.
  • beim Kun­den schließ­lich herrscht die Erwar­tung vor, dass er nun ein selbst­er­klä­ren­des (und selbst­ler­nen­des) Pro­dukt erwor­ben hat, das einen Blick in eine wie auch immer gear­te­te Infor­ma­ti­on über­flüs­sig macht. Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on als Bal­last und in drin­gen­den Fäl­len auch Nach­schla­ge­werk.

Alle haben sie Recht. Natür­lich ist eine tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on irgend­wie alles gleich­zei­tig. Aber eben nur irgend­wie. Wel­che Infor­ma­tio­nen schließ­lich in die Benut­zer­hand­bü­cher ein­flie­ßen, wel­che in Form von Gra­fi­ken und Tabel­len umge­setzt wer­den und wel­che auch nie­mals in der Doku­men­ta­ti­on auf­tau­chen (schon des­we­gen, damit die Kon­kur­renz nicht ein­fach nur kopie­ren muss) – die­se Ent­schei­dung trifft der tech­ni­sche Redak­teur.

Wer aber ist das, der »tech­ni­sche Redak­teur«? Es soll Betrieb geben, da macht so etwas die Dame vom Ein­kauf, indem sie ein­fach alles zusam­men­ko­piert, was ihr der Chef so vor­legt. Es gibt Betrie­be, die haben gar kei­nen »tech­ni­schen Redak­teur«, son­dern lagern – falls dem Kun­den ein­mal doch die zusam­men­ko­pier­ten Infor­ma­tio­nen nicht aus­rei­chen soll­ten – an einen exter­nen Dienst­leis­ter aus. Von die­sem wird dann neben der Ver­ar­bei­tung der eigent­li­chen Infor­ma­ti­on auch ver­langt, dass er die unter­neh­mens­spe­zi­fi­schen Begrif­fe beherrscht, sich in der beson­de­ren Mate­rie sicher bewegt, die Ver­triebs- und Dis­tri­bu­ti­ons­we­ge des Her­stel­lers kennt und die Wün­sche der Kun­den erah­nen kann – ob sie nun in Sin­ga­pur sit­zen oder in Dal­las, Texas …

Mit ande­ren Wor­ten: tech­ni­sche Redak­teu­re bei­der­lei Geschlechts sind wah­re Meis­ter der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie beherr­schen kom­ple­xe Satz- und Lay­out­pro­gram­me, ken­nen sich in den Tücken moder­ner Office­pro­gram­me aus, erstel­len in kür­zes­ter Zeit kom­pli­zier­te tech­ni­sche Illus­tra­tio­nen, ver­ar­bei­ten aktu­el­le didak­ti­sche Erkennt­nis­se über den Per­zep­ti­ons­ho­ri­zont (dol­les Wort!) der Leser/​Kunden und ver­ste­hen die Pro­duk­te selbst bes­ser als der Inge­nieur, der die Infor­ma­tio­nen lie­fert.

Schät­zen Sie sich glück­lich – ach was: aus­er­wählt, wenn solch einen Mit­ar­bei­ter und Kol­le­gen haben. Meist sind tech­ni­sche Redak­teu­re ech­te Rand­grup­pen der Indus­trie­ge­sell­schaft. Quer­ein­stei­ger, Umge­schul­te, Zwangs­ver­setz­te, sel­ten auch Idea­lis­ten oder tech­nik­ver­lieb­te Ästhe­ten.

Oft tei­len sie das sel­be Schick­sal: Nie­mand schätzt ihre Leis­tung – weder ein noch hoch – und zeigt ihnen damit, dass sie auch ein aner­kann­tes Mit­glied der indus­tri­el­len Gesell­schaft sind. Wenn die Doku­men­ta­ti­on schlecht ist, wars der Redak­teur, wenn sie gut ist, liest sie kei­ner. Dies ist zumin­dest ein weit ver­brei­te­ter Glau­be unter den Redak­teu­ren, der auch nicht von unge­fähr kommt. Es gibt kei­ne rich­ti­ge offi­zi­el­le Aus­bil­dung zum tech­ni­schen Redak­teur, die etwa der eines Inge­nieurs gleich­ge­stellt wäre (von der eines tech­ni­schen Illus­tra­to­ren ganz zu schweigen).Alle bis­he­ri­gen Anstren­gun­gen in die­ser Rich­tung sind getra­gen vom Ehr­geiz der Redak­teu­re selbst. Hoch­schu­len reagie­ren dar­auf – wenn über­haupt – mit einem Zusatz­fach; so als ob man unter Maschi­nen­schrei­ben eine Zusatz­qua­li­fi­ka­ti­on ver­steht. Das wis­sen die Redak­teu­re selbst auch. Und sie lei­den dar­un­ter. Die Quer­ein­stei­ger, weil sie befürch­ten, durch eine viel­leicht nur unwe­sent­lich bes­ser qua­li­fi­zier­te Kon­kur­renz aus dem Feld gedrängt zu wer­den, die qua­li­fi­zier­ten Neu­ein­stei­ger, weil sie den sorg­sam gehü­te­ten Erfah­rungs­vor­sprung nie­mals wer­den ein­ho­len kön­nen, die Idea­lis­ten, weil sie befürch­ten, die­sen Idea­lis­mus irgend­wann ob der ver­brei­te­ten Igno­ranz zu ver­lie­ren.

Mei­ne Damen und Her­ren tech­ni­sche Redak­teu­re: Wann haben Sie sich außer­halb Ihres Kol­le­gen­krei­ses schon ein­mal ange­regt über ihre Tätig­keit unter­hal­ten? Ja, wenn Sie behaup­te­ten, Sie sei­en Maler oder Arzt oder Künst­ler oder Anwalt, dann sto­ßen sie auf Mei­nun­gen und Urtei­le – viel­leicht nicht immer ange­neh­me, aber zumin­dest Vor­stel­lun­gen zu Ihrer Tätig­keit. Aber wenn Sie sagen, Sie sei­en tech­ni­scher Redak­teur? In den Augen Ihrer Gesprächs­part­ner fin­den Sie ver­mut­lich mehr Fra­ge­zei­chen als sie jemals in einer Doku­men­ta­ti­on ver­wen­den dür­fen.

Und dann kommt garan­tiert ent­we­der das klein­lau­te »Com­ing-out«, die Hand­bü­cher wür­de man sowie­so nie lesen – meist gefolgt von der Begrün­dung, sie sei­en völ­lig unver­ständ­lich (lei­der stimmt das häu­fig auch noch), oder aber der Gesprächs­part­ner erwi­dert ein matt inter­es­siert wir­ken­des »Ach?« und fragt Sie, ob Sie wenigs­tens einen span­nen­den Urlaub hat­ten …

Wie hält man das aus? Wie ver­dient man unter die­sen Bedin­gun­gen sein Brot? Vie­le Kol­le­gen wan­dern ab in die inne­re Emi­gra­ti­on und haben eigent­lich kei­ne Vor­stel­lung von dem, war­um sie die­se Arbeit machen. Ande­re mutie­ren zu emp­find­li­chen Pflänz­chen, die schon auf die lei­ses­te Kri­tik an ihrer Leis­tung mit Ableh­nung und Aggres­si­on reagie­ren. Meist folgt eins auf das Ande­re. Alle aber gra­ben sich ein, wer­den stumpf gegen­über Inno­va­tio­nen in ihrem eige­nen Bereich.

Mei­ne Damen und Her­ren aus der Unter­neh­mens­lei­tung: Ob Sie einen eige­nen Redak­teur beschäf­ti­gen oder aber Exter­ne beauf­tra­gen: den­ken Sie dar­an, dass die meis­ten Redak­teu­re über ihren Beruf kei­ne hohe sozia­le Akzep­tanz erfah­ren, dass sie dau­ern­der Kri­tik aus dem eige­nen Unter­neh­men aus­ge­setzt sind und kein eta­blier­tes Berufs­bild vor­wei­sen kön­nen. Sie sind emp­find­li­che Pflänz­chen, auf die Sie ange­wie­sen sind, wenn Sie auch nur ein ein­zi­ges Pro­dukt ver­kau­fen wol­len.

Scho­nen Sie Ihren Redak­teur! Sie könn­ten ihn noch brau­chen …