Woher es kommt, darf spe­ku­liert wer­den: Man­che behaup­ten, es läge an der ver­füh­re­ri­schen Pro­gram­mie­rung der Office-Anwen­dun­gen, die es dem Benut­zer erlau­ben sol­len, alle Pro­ble­me der Text­ver­ar­bei­tung mit einem ein­zi­gen Pro­gramm zu lösen.

Und in der Tat: es ist wirk­lich ein­fach, mit einem ein­zi­gen Maus­klick in ein Text­do­ku­ment ein Bild ein­zu­fü­gen und zu bear­bei­ten. Klick, klick – und schon haben wir das Gan­ze fer­tig for­ma­tiert und das Bild an der rich­ti­gen Stel­le. Das geht tat­säch­lich so – vor­aus­ge­setzt natür­lich, Sie als Benut­zer hal­ten sich an die Spiel­re­geln, die Ihnen das Pro­gramm vor­gibt: Bil­der nur in einem bestimm­ten For­mat, Tex­te nur inner­halb enger Formatgrenzen.

Und den­noch: die­se Pro­gram­me wer­den mit einer sol­chen Viel­zahl an Vor­la­gen gelie­fert, dass sie für den nor­mal sterb­li­chen Anwen­der kaum zu über­schau­en, geschwei­ge denn zu nut­zen sind. Es gibt Vor­la­gen für Geburts­an­zei­gen, Stel­lungs­ge­su­che inklu­si­ve Lebens­lauf, Ein­kaufs­zet­tel und, und, und. Sie suchen das Pas­sen­de aus, und das Pro­gramm nimmt Sie (durch­aus wört­lich zu ver­ste­hen) an der Hand und führt Sie durch den Dschun­gel der Sei­ten­lay­outs, Clip-Arts und Absatzformate.

Die­se Vor­ge­hens­wei­se führt natür­lich zu einer gewis­sen Ent­mün­di­gung. Das mer­ken Sie spä­tes­tens dann, wenn Sie selbst in den Vor­la­gen her­um­sto­chern, weil Sie fest­ge­stellt haben, dass Sie kei­ne geeig­ne­te vor­rä­tig haben. Der smar­te User lädt sich dann wei­te­re Vor­la­gen aus dem Inter­net – oder er ver­zich­tet auf den Schnick­schnack und pro­du­ziert Doku­men­te, die den schlich­ten Charme einer Tri­umph-Adler Schreib­ma­schi­ne ver­sprü­hen (lachen Sie nicht, dar­auf habe ich auch mei­ne ers­te Semi­nar­ar­beit geschrie­ben). Das gilt dann als beson­ders krea­tiv (wohl ver­mut­lich des­halb, weil sich Krea­ti­ve so ungern in den Nie­de­run­gen des Com­pu­ter­all­tags verlieren) …

Also ich weiß ja nicht, war­um man über­haupt ein Office-Paket braucht: ich mache alles mit Out­look!“ sprach mal eine freund­li­che Dame mitt­le­ren Alters, die mit ihren tech­ni­schen Kennt­nis­sen glän­zen woll­te. Und da ist es dann: das „One-Size-fits-all“ Syn­drom. Spä­tes­tens dann, wenn Sie der Mei­nung sind, Sie könn­ten mit einer Text­ver­ar­bei­tung wie Word auch Bil­der bear­bei­ten oder – fort­ge­schrit­te­nes Sta­di­um – Sie könn­ten mit einer Lay­out­soft­ware wie Frame­Ma­ker auch Zeich­nun­gen anfer­ti­gen, dann sind Sie Opfer des Systems.

Natür­lich, das geht doch!“, wer­den Sie ent­rüs­tet sagen, mache ich doch immer so und bis­her hat sich noch nie­mand beschwert. Sicher, es geht. Umge­kehrt kann es natür­lich auch sein, dass Sie einer Art frei­wil­li­ger Selbst­be­schrän­kung unter­lie­gen: wenn es mit dem Pro­gramm nicht geht, dann geht es eben über­haupt nicht. Die­se Ein­stel­lung ist durch­aus ver­ständ­lich. Denn um einen annä­hernd pro­fes­sio­nel­len Out­put zu erzeu­gen, brau­chen Sie meist mehr als drei unter­schied­li­che Pro­gram­me, deren Vor­zü­ge Sie ken­nen und mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren müs­sen. Oft sind es mehr: eine Text­ver­ar­bei­tung, mit der Sie den Text erfas­sen, eine Bild­be­ar­bei­tungs­soft­ware, mit der Sie Bil­der opti­mie­ren, eine Gra­fik­soft­ware, mit der Sie Zeich­nun­gen bear­bei­ten, und ein Lay­out­pro­gramm, mit dem Sie die Tei­le zusam­men set­zen. Wenn Sie jetzt bei der Aus­ga­be nicht nur Ihren Dru­cker beschäf­ti­gen und bei­spiels­wei­se PDF oder HTML erstel­len wol­len, für die Sie noch­mals Pro­gram­me benö­ti­gen (auch wenn vie­le Pro­gram­me HTML expor­tie­ren kön­nen, haben sie noch lan­ge kei­ne Inter­net­sei­te), dann läp­pert es sich, auch finanziell.

Da ist es nur zu ver­ständ­lich, wenn man mit einem Pro­gramm mög­lichst viel auf ein­mal erle­di­gen möch­te. Der Lern­auf­wand, den es im Vor­feld zu trei­ben gilt, um einen ordent­li­chen Out­put hin­zu­be­kom­men, ist erheb­lich – abge­se­hen von dem zusätz­li­chen Nach­bes­se­rungs­auf­wand bei Updates. Und kaum haben Sie ihren „Fuhr­park“ zusam­men gestellt, kommt eine neue Ver­si­on eines Pro­gramms und kann noch viel mehr; mit dem Resul­tat, dass Sie den bis­he­ri­gen Arbeits­ab­lauf über­den­ken müs­sen. Grau­en­haf­te Vorstellung.

Also flüch­ten wir uns in die Bequem­lich­keit und war­ten dar­auf, bis wir das Sta­di­um einer „men­ta­len Sym­bio­se“ mit dem Pro­gramm unse­rer Wahl erreicht haben: wir kön­nen alles, was das Pro­gramm auch kann. Was sonst noch alles mög­lich ist, inter­es­siert nicht. Lei­der, denn nicht nur, dass wir uns damit eigent­lich geis­tig kas­trie­ren, führt die­se Ein­stel­lung auch dazu, alles ande­re abzu­leh­nen, mit dem wir unser eigent­li­ches Ziel doch noch errei­chen könnten.

Aber Mit­tel­maß muss ja nicht unbe­dingt immer sein, oder?