Seit Jah­ren geis­tert der Begriff „Sin­gle-Source-Publi­shing“ durch die Publi­shing-Land­schaft, so als ob es ledig­lich eines belie­bi­gen (Text-)Dokuments bedür­fe, um es dann in viel­fäl­ti­ger Wei­se zu publi­zie­ren, über ein Fir­men­netz, über das Inter­net oder auf CD-ROM.

Für Tech­nik­ver­lieb­te und Mana­ger (das ist ja nicht das Glei­che) klingt die­ser Begriff nach dem Ein­satz eines teu­ren Pro­dukts, das mit einem Schlag alle Pro­ble­me der mensch­li­chen Art löst: nie mehr Redak­teu­re, denn die Pro­gram­mie­rer und Kon­struk­teu­re schrei­ben sich ihre Doku­men­te selbst – direkt in die Daten­bank. Ein­mal geschrie­ben, und schon erzeu­gen wir per Maus­klick eine Online­hil­fe, eine mul­ti­me­dia­le Prä­sen­ta­ti­on, eine Inter­net­sei­te, ein druck­rei­fes PDF und was sonst noch anfällt. Na ja, fast so ist es schon. Tools gibt es genug, die die Arbeit über­neh­men und dem Bedie­ner sug­ge­rie­ren, er müs­se sich nur noch aufs Schrei­ben kon­zen­trie­ren. Die Sache hat nur den Haken, dass die Doku­men­te erst wirk­lich erstellt wer­den müs­sen.

Klingt banal: Einen Text­edi­tor öff­nen, ein paar Zei­len in das Tem­pla­te wer­fen und ab die Post. Danach zählt eigent­lich nur noch die Leis­tungs­fä­hig­keit des Rech­ners – gemes­sen in Giga­hertz. Das Ergeb­nis ist in Minu­ten­schnel­le im Inter­net oder wird auf die Sil­ber­schei­be gebra­ten. Wer braucht da noch Redak­teu­re?

Und noch bes­ser: Wir neh­men gleich XML (wer jetzt nicht weiß, was das ist, hat eh ver­lo­ren). Dann kön­nen wir den gan­zen Pro­zess über eine Daten­bank lau­fen las­sen, die die pas­sen­den Doku­men­te zusam­men stellt und für die Soft­ware mund­ge­recht ser­viert.

An die­ser Idee ver­die­nen vor allem die Soft­ware­fir­men, die den Kun­den vor­gau­keln, das gin­ge wirk­lich so.

Tut es näm­lich mit­nich­ten. Das Pro­blem beginnt bei der Erfas­sung der Inhal­te: Es sind ja meist nicht nur Tex­te, son­dern Gra­fi­ken und Bil­der in den unter­schied­lichs­ten For­ma­ten. Natür­lich lässt sich alles in einen „gro­ßen Sack“ wer­fen (die Daten­bank), aber sinn­voll mit­ein­an­der ver­knüpft und ziel­ori­en­tiert aus­ge­ge­ben wer­den kann es nur, wenn ein Fach­mann die Infor­ma­tio­nen wer­tet und ver­ar­bei­tet. Da die Soft­ware egal wel­cher Preis­klas­se dies immer noch nicht kann, muss ein Mensch her.

Wirt­schaft­lich gese­hen macht es dabei herz­lich wenig Sinn, einem Pro­gram­mie­rer oder Kon­struk­teur (oder einer Sekre­tä­rin …) die­se Auf­ga­be anzu­ver­trau­en, denn die Qua­li­tät kommt dabei schnel­ler unter die Räder als die Infor­ma­ti­on ver­füg­bar ist. Das Aus­ga­be­werk­zeug kann ja nicht bes­ser sein als der Mensch, der es bedient. Also müs­sen Schu­lun­gen her (oder die berüch­tig­ten „Inhou­se-Schu­lun­gen“, bei denen oft ein Halb­wis­sen­der einem Unwis­sen­den hel­fen will). Die aber kos­ten Zeit, viel Zeit – und Geld.

Dar­über hin­aus müs­sen die betei­lig­ten Werk­zeu­ge, also die Soft­ware, unun­ter­bro­chen auf dem neu­es­ten Stand gehal­ten wer­den, da sonst ein bei­spiels­wei­se ein Update des Betriebs­sys­tems den gesam­ten Pro­zess der PDF-Erstel­lung über den Hau­fen wirft.

Neben den redak­tio­nell „auf­ge­bohr­ten“ Programmierern/​Konstrukteuren (es kom­men eigent­lich alle Berufs­grup­pen außer den Redak­teu­ren selbst in Fra­ge, denn eine ech­te Aus­bil­dung zum „Sin­gle-Source-Redak­teur“ gibt es nicht) und den Netz­werk­tech­ni­kern kom­men also noch die Daten­bank­pro­gram­mie­rer und die Gra­fi­ker zum Zuge, denn nicht alle Datei­fo­ma­te eig­nen sich glei­cher­ma­ßen für Druck und Inter­net (im Grun­de genom­men sogar kei­nes ? außer SVG viel­leicht). Mit ande­ren Wor­ten: die Vor­aus­set­zung für „Sin­gle-Source“ sind

  • orga­ni­sa­to­risch klar defi­nier­te Arbeits­schrit­te,
  • tech­nisch defi­nier­te Abla­ge­tech­ni­ken (Ver­schlag­wor­tung, Pfle­ge einer Daten­bank),
  • redak­tio­nell fest­ste­hen­de Vor­ga­ben (Tem­pla­tes) und
  • stän­di­ge Über­wa­chung des Ein- Aus­gangs sowie aller Para­me­ter (Soft­ware, For­ma­te, exter­ne Dienst­leis­ter etc.).

Außer­dem müs­sen die ver­wen­de­ten Werk­zeu­ge beschafft, aktua­li­siert und die Daten­bank ein­ge­rich­tet wer­den.

Dazu kommt noch die Defi­ni­ti­on der eigent­li­chen Ziel­vor­ga­ben, Ziel­grup­pen und die Fra­ge nach der „Usa­bi­li­ty“: Nicht alle Benut­zer ver­wen­den alle Medi­en für den glei­chen Zweck auf die glei­che Wei­se; nicht alle Benut­zer ver­fü­gen über den glei­chen Kennt­nis­stand und kön­nen die Infor­ma­tio­nen auf die glei­che Wei­se ver­ar­bei­ten.

In der Zwi­schen­zeit sind die Infor­ma­tio­nen durch so vie­le Hän­de gegan­gen und haben so vie­le Soft­ware­pro­duk­te durch­lau­fen, dass von einem „Sin­gle-Source-Publi­shing“ eigent­lich kei­ne Rede mehr sein kann: Alles wur­de mehr­fach umge­dreht, ange­passt und wie­der ver­wor­fen, für unter­schied­li­che Zie­le ver­än­dert und wie­der in die Daten­bank gelegt, dass bis auf die Absicht eigent­lich nichts mehr aus einer „Quel­le“ stammt.