Als Guten­berg die ers­ten wie­der­ver­wend­ba­ren Let­tern für sei­ne Druck­pres­se ent­warf, war für ihn der hand­schrift­li­che Schreib­stil der Klös­ter der Maß­stab. Mög­lichst nahe an den müh­sam hand­ko­pier­ten Vor­la­gen soll­te sei­ne Bibel lie­gen, daher ver­wen­de­te er für den Druck mehr als 250 ver­schie­de­ne Let­tern, um die pas­sen­den für den idea­len Block­satz parat zu haben.

Der Buch­ver­ses­se­ne erkauft sich sei­nen Lese­ge­nuss mit einem Ver­zicht auf schnel­le Infor­ma­ti­on. In den Berei­chen jedoch, in denen der Lese­lust­ge­winn dicker Schmö­ker zuguns­ten über­sicht­li­cher und schnel­ler Infor­ma­ti­on zurück­wei­chen muss, steht der Benut­zer vor der ent­schei­den­den Fra­ge: „Kann ich mir den Ver­lust an Anschau­lich­keit und Infor­ma­ti­on eigent­lich noch leis­ten?“

Kom­men­tar von Frau Wer­fel (Vie­len Dank!):
„Guten­berg hat außer­dem nicht nur Bücher gedruckt, son­dern mit den Ablass­brie­fen auch die ers­ten For­mu­la­re bzw. Vor­dru­cke sowie Flug­schrif­ten und Kalen­der. Die Redu­zie­rung aufs Buch ist falsch.
Guten­berg ist schlicht der Erfin­der des Text­drucks mit seri­ell her­ge­stell­ten, wie­der­ver­wend­ba­ren Druck­ty­pen.“

Kurz dar­auf erfan­den vene­zia­ni­sche und fran­zö­si­sche Typo­gra­phen die soge­nann­ten „Anti­qua“, indem sie den geküns­tel­ten und unle­ser­li­chen goti­schen Schrif­ten den Geist des Huma­nis­mus ein­hauch­ten. Die gedruck­ten Wer­ke soll­ten nicht mehr den reprä­sen­ta­ti­ven Klos­ter­stil nach­ah­men, son­dern in ers­ter Linie les­bar sein.

Zuneh­mend wur­de man sich der Wir­kung der Schrift bewusst: Sie ver­mit­telt Infor­ma­ti­on und Emo­ti­on – oder sie ver­sperrt sie, denn was unle­ser­lich ist, wird nicht wahr­ge­nom­men.

Mit der Ver­brei­tung der Schrift und der gedruck­ten Tex­te fand auch eine erheb­li­che Ver­bes­se­rung der Druck­tech­ni­ken statt, die es erlaub­ten, dass auch fei­ne­re und feins­te Details des Schrift­bil­des dar­ge­stellt wer­den konn­ten. Immer mehr unter­schied­li­che Schrif­ten ent­stan­den, die den unter­schied­li­chen Ansprü­chen genü­gen soll­ten: rei­ne Infor­ma­ti­on, Wer­bung, Ver­laut­ba­rung oder pure Ästhe­tik. Bedeu­ten­de Künst­ler schu­fen Schrif­ten, die nach ihnen benannt wur­de und deren Wer­ke immer noch weit ver­brei­tet sind. Clau­de Gara­mond (1480-1561) etwa, des­sen Schrift zu den welt­weit ver­brei­tets­ten gehört, oder François Didot (1730-1804), der das heu­te noch gül­ti­ge Maß­sys­tem (der typo­gra­phi­sche Punkt = 0,375 mm) ein­führ­te, um die Schrift­grö­ßen zu ver­ein­heit­li­chen.

Als die ers­ten Com­pu­ter auf den Markt kamen, unter­schätz­ten selbst die meis­ten ihrer Ent­wick­ler das Poten­ti­al die­ser „dum­men Rechen­ma­schi­nen“. Dann jedoch gin­gen mit der Ein­füh­rung der Com­pu­ter in das Zei­tungs­we­sen die Lon­do­ner Dru­cker auf die Stra­ße, weil sie als ers­te erken­nen muss­ten, dass die­se Gerä­te mehr konn­ten als unend­lich lan­ge Zah­len­rei­hen zu addie­ren: Sie ver­än­der­ten die Schrift und zer­stör­ten tra­di­tio­nel­le Beru­fe. Kaum ein Mensch schreibt heut­zu­ta­ge lan­ge Tex­te von Hand oder gießt den Satz aus Blei. Es wird vom Schreib­tisch aus publi­ziert: das „Desk Top Publi­shing“, kurz DTP, hat Guten­berg beerbt.

Zumin­dest auf der Pro­duk­ti­ons­sei­te.

Seit weni­gen Jah­ren jedoch hat die Ansicht einen erheb­li­chen Rück­schlag erlit­ten, die davon aus­geht, dass auch das Ergeb­nis des DTP immer in Papier­form mün­den müs­se. Der Leser selbst, ver­wöhnt durch schnel­le und noch schnel­le­re Pro­duk­ti­ons­zei­ten, die der Com­pu­ter­satz mög­lich macht, steht vor einer neu­en Her­aus­for­de­rung.

Was soll ich tun, mein Kun­de möch­te von mei­nen Inter­net­sei­ten einen Pro­be­aus­druck!“, klagt ein Web­de­si­gner und bringt damit das Dilem­ma auf den Punkt: Zwar erlaubt die Abbil­dung der Schrift auf dem Moni­tor in bei­na­he druck­rei­fer Dar­stel­lung, das „WYSIWYG“ („What you see is what you get“), eine genaue Kon­trol­le des Druck­ergeb­nis­ses, sie macht den Druck jedoch nicht mehr unbe­dingt erfor­der­lich.

Immer noch ist jedoch der tak­ti­le Anspruch über­mäch­tig, ein „ehr­li­ches“ Buch in den Hän­den zu hal­ten und als wahr­haf­ti­ger zu betrach­ten als die Dar­stel­lung auf dem Bild­schirm. Die tech­no­lo­gi­sche Klip­pe, Schrif­ten aller Spra­chen auf allen Bild­schir­men und Dru­ckern aus­ge­ben zu kön­nen, wird in den nächs­ten Jah­ren mit dem Aus­bau der Uni­code-Schrif­ten umschifft sein; das weit­aus schwer­wie­gen­de­re Pro­blem jedoch bleibt die Gewohn­heit und natür­li­che Träg­heit mensch­li­chen Ver­hal­tens: das Lesen.

Die Qua­li­tät des Lesens auf dem Bild­schirm – ein­mal abge­se­hen von der der­zeit eher beschei­de­nen Dar­stel­lung auf WAP-Han­dys – hat enor­me Fort­schrit­te gemacht; auch hin­sicht­lich der Über­ein­stim­mung mit dem Druck­bild. Ihren Kol­le­gen auf dem Papier haben die Zei­chen auf dem Schirm jedoch etwas vor­aus: sie sind ver­netzt. Kein Buch erlaubt das Ankli­cken von Quer­ver­wei­sen, die auto­ma­tisch die betref­fen­de Sei­te öff­nen, kein Buch erlaubt das Ankli­cken eines Bil­des, das dar­auf­hin einen kur­zen Film ein­schließ­lich Ton abspielt. Kein Buch erlaubt das unbe­grenz­te Öff­nen und Schlie­ßen eines Tex­tes ohne Qua­li­täts­ein­bu­ßen. Kein Buch erlaubt die unbe­grenz­te Ver­viel­fäl­ti­gung ohne dass ein Baum dafür gefällt wer­den muss. Und kein Buch erlaubt das Kopie­ren von Inhal­ten ohne die äuße­re Form.

Dabei wer­den gedruck­te Bücher bei­lei­be nicht über­flüs­sig, im Gegen­teil. Die Ruhe und Muße, die ein gedruck­tes Buch ver­langt, wer­den digi­ta­le Wer­ke nie errei­chen. Das Gewicht, den Geruch und die Impo­sanz eines klas­si­schen Wer­kes lässt sich digi­tal nicht imi­tie­ren. Die Grimm’schen Mär­chen ver­lie­ren ihre Wir­kung, wenn man sie vom Moni­tor liest.

Aber den­noch wer­den wir uns als Benut­zer und Leser geschrie­be­ner Spra­che dar­an gewöh­nen müs­sen, einen Groß­teil unse­res Wis­sens direkt vom Bild­schirm zu holen statt es erst gedruckt wahr­zu­neh­men.