Die­ses Jahr sei ein gutes Jahr für wei­te Rei­sen. Nicht, weil das Horo­skop das behaup­tet, son­dern mei­ne Frau. Das Ziel stand schon lan­ge ganz oben auf der Wunsch­lis­te. Seit wir das letz­te Mal in den USA gewe­sen waren und erfah­ren hat­ten, wel­che Dimen­sio­nen selbst die ein­fachs­ten Stre­cken anneh­men kön­nen, wenn man sie mit dem Fahr­rad angeht, konn­te uns auch die Vor­stel­lung nicht erschüt­tern, von Salt Lake City in den Yel­lowstone Natio­nal­park zu radeln. Und zurück natür­lich auch…

Pris­ma­tic Spring © Beau­ty­p­la­ces

Salt Lake City, Ver­wal­tungs­zen­trum am süd­öst­li­chen Ende des gro­ßen Salz­sees ist eine Groß­stadt und ein erstaun­li­ches Mene­te­kel mensch­li­cher Anpas­sungs­fä­hig­keit. Als die ers­ten Sied­ler 1847 dort anka­men, bestand das Land nur aus Step­pe und Ber­gen. Man hat­te den Mor­mo­nen einen unwirt­li­chen Fle­cken der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zuge­wie­sen wohl auch in der Hoff­nung, dass sie dort von ganz allei­ne dezi­miert wer­den. Unvor­stell­bar, dass Brig­ham Young lapi­dar fest­stell­te „This is the place“; Sei­ne Mit­rei­sen­den waren nach dem stra­pa­ziö­sen Trek wohl so erschöpft, dass sie auch Stei­ne gekocht hät­ten.

Mitt­ler­wei­le aber brau­chen sie das nicht mehr, denn das Was­ser, das aus den nahe­ge­le­ge­nen Ber­gen kommt, wird zur Bewäs­se­rung aus­ge­dehn­ter Obst­far­men ver­wen­det und bil­det die Grund­la­ge für einen der fort­schritt­lichs­ten Indus­trie­stand­or­te in den USA. Man lebt dort recht gut von der Com­pu­ter- und Rüs­tungs­tech­no­lo­gie…

Die Stadt liegt am Ende einer nord­süd­lich ver­lau­fen­den Ansamm­lung mitt­le­rer und grö­ße­rer Städ­te, die das gesam­te Ost­ufer des Sees säu­men. Wir muss­ten sie durch­que­ren, denn der Yel­lowstone liegt etwa 500 km nörd­lich.

Es war heiß. Sehr heiß sogar. Und tro­cken. Immer­hin war es Ende Juli. Für die Fahrt nach Nor­den aller­dings bedeu­te­te dies eine qual­vol­le Schin­de­rei durch baum­lo­ses Wei­de­land, end­lo­se gera­de Stra­ßen und staub­tro­cke­ne Halb­step­pe über Ida­ho nach Wyo­ming.

Aber all­mäh­lich hebt sich das Land. Waren wir noch auf 1300m Höhe gestar­tet, quer­ten wir in Ida­ho den Tar­g­hee Pass auf 7072 Fuß (2263m) und kamen nach Mon­ta­na. Der Tar­g­hee ist die Was­ser­schei­de; alle Flüs­se nord­öst­lich davon flie­ßen in den mitt­le­ren Wes­ten, in den Mis­sou­ri ab. Hin­ter dem Tar­g­hee liegt in einem male­risch bewal­de­ten Tal der west­li­che Ein­gang des Yel­lowstone. Hier ist auch das Kli­ma anders.

Da hin­ter Ashton/​Idaho die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung endet, ste­hen in einem rie­si­gen Are­al rund um den Natio­nal­park in den „Natio­nal Forests“ die Bäu­me wie­der an ihrem ange­stamm­ten Platz: hier gibt es Bären und Wöl­fe. Hier herrscht Natur. Und ent­spre­chend wird auch über­all zur Vor­sicht gera­ten. Ein Natio­nal­park ist kein Strei­chel­zoo.

Die Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten sind spar­ta­nisch. Obwohl die US-Ame­ri­ka­ner ein äußerst mobi­les Völk­chen sind, das ungern auf Kom­fort ver­zich­tet, hat man im Yel­lowstone bereits vor 20 Jah­ren damit begon­nen, sys­te­ma­tisch alle Annehm­lich­kei­ten moder­ner Cam­ping- und Rei­se­kul­tur zurück­zu­bau­en. Stan­den frü­her bei­spiels­wei­se neben den hei­ßen Quel­len Bäder und Plansch­be­cken oder dien­ten die hei­ßen Dämp­fe gar zum Kochen, so füh­ren jetzt Ste­ge über die „Gey­sir Basins“. Abwei­chen vom tugend­haf­ten Pfad wird streng geahn­det. Nur die Tie­re hal­ten sich nicht unbe­dingt an die Vor­ga­ben, denn das Was­ser, das aus der Tie­fe strömt, wärmt ihnen im Win­ter die Soh­len.

Müßig­gang ist aller Las­ter Anfang. Nach­dem wir im Park am ers­ten Tag kei­nen Cam­ping­platz bekom­men hat­ten, ver­brach­ten wir die ers­te Nacht am West­ein­gang.

Dafür beleg­ten wir in den dar­auf­fol­gen­den Tagen einen klei­nen Zelt­platz an der Madi­son Junc­tion, von wo aus sich die eigent­li­chen Attrak­tio­nen des Yel­lowstone, die Gey­si­re und hei­ßen Quel­len, die Schlamm­lö­cher und Schwe­fel­höh­len her­vor­ra­gend ansteu­ern las­sen. Die­ser Teil des Parks ist daher auch der über­lau­fends­te. Hier liegt „Old Faith­ful“, der seit über hun­dert Jah­ren (soweit reicht die Erin­ne­rung des „wei­ßen Man­nes“ zurück) regel­mä­ßig alle 90 Minu­ten sei­ne Was­ser­fon­tä­ne in den Him­mel bläst. Mam­moth Hot Springs war der nörd­lichs­te Punkt unse­rer Rei­se, denn von dort ging es den Yel­lowstone River fluss­auf­wärts, über den Dun­ra­ven Pass (2700m), zum Yel­lowstone Lake hin­un­ter. Die ers­te war­me Dusche seit Tagen zu einem Wucher­preis von $5 pro Nase. Damit ver­sucht man, der Abwas­ser­flut durch den Tou­ris­mus Herr zu wer­den. Für Wohn­mo­bi­lis­ten unvor­stell­bar, war eine war­me Dusche nach Tagen im Zelt und auf dem Fahr­rad­sat­tel ein Kul­tur­gut. Nach einer Woche im Park ver­lie­ßen wir das Hoch­pla­teau mit einer lan­gen Abfahrt nach Süden. Angren­zend an den Yel­lowstone liegt der Teton Natio­nal Park, über ein Stif­tungs­ge­län­de, den „John D. Rocke­fel­ler Memo­ri­al Park­way“ mit die­sem ver­bun­den. Kenn­zei­chen des Teton Natio­nal Park ist die Teton Ran­ge, eine Gebirgs­ket­te in nord­süd­li­cher Rich­tung, deren schnee­be­deck­te Vier­tau­sen­der aus der Fer­ne wie ein Säge­blatt wir­ken. Für die fran­zö­si­schen Trap­per, die die­ses Gegend als ers­te erkun­de­ten, sym­bo­li­sier­ten sie jedoch signi­fi­kan­te Kör­per­stel­len des weib­li­chen Phy­sio­gno­mie: „Les Trois Tetons“, die drei Brüs­te, wur­den unüber­setzt ins Eng­li­sche über­nom­men…

Die Grand Tetons © Fotopedia.com

Wir fuh­ren öst­lich der Gebirgs­ket­te Rich­tung Jack­son. In Jack­son Hole, dem Tal hin­ter der Teton Ran­ge, hat­ten sich Wol­ken zu einem Ren­dez­vous ver­sam­melt. Uns kam das nicht unrecht, denn nach der sen­gen­den Hit­ze und ste­chen­den Son­ne emp­fan­den wir die Küh­le recht ange­nehm. Als es aber dann auch anfing zu reg­nen, war die Stim­mung schnell dahin. Aber dort sahen wir auch unse­re Bären: ein Jun­ges, das recht unmo­ti­viert an den Bee­ren zupf­te, war uns zuerst auf­ge­fal­len. Das bedeu­te­te nichts Gutes, denn wenn ein Jun­ges schein­bar allei­ne durchs Unter­holz läuft, ist die Mut­ter nicht weit. Und sie ist bekannt­lich auf Frem­de, die zwi­schen ihr und dem Nach­wuchs ste­hen könn­ten, nicht gut zu spre­chen. Glück­li­cher­wei­se folg­te sie dem klei­nen nach weni­gen Sekun­den und nahm auch von den neu­gie­ri­gen Zwei­bei­nern kei­ne Notiz, als sie sich über das Tot­holz her­mach­te, um an die Ter­mi­ten zu gelan­gen. Der Win­ter in den Ber­gen war nicht mehr all­zu fern, sie muss­te noch eini­ges an Speck zule­gen, um den lan­gen Win­ter­schlaf zu über­le­ben; eine Besu­cher­jagd wür­de nur unnö­tig an den Kräf­ten.

Hin­ter Jack­son Hole jedoch endet abrupt die zivi­li­sier­te Welt. Da wir bis zum Rück­flug noch über eine Woche Zeit hat­ten, beschlos­sen wir in einem Anflug von Maso­chis­mus, einen Abste­cher durch die Bad­lands zu machen: über Pine­da­le nach Far­son, wo wir den berühmt-berüch­tig­ten „Ore­gon Trail“ kreu­zen wür­den, den Weg, den Ende des 19. Jahr­hun­derts täg­lich bis zu 300 Plan­wa­gen benutz­ten auf ihrem Weg ins gelob­te Land, den Wes­ten.

Der Trail begann in San­ta Fe und führ­te über Gebirgs­päs­se und tro­cke­nes Ödland über hun­der­te Mei­len in ver­schie­de­nen Vari­an­ten nach Ore­gon, an den Pazi­fik, wo sich Aben­teu­rer und Gold­su­cher, Far­mer und Arbeits­lo­se, Mor­mo­nen und Ent­wur­zel­te das Glück ver­spra­chen. Die unsäg­li­chen Stra­pa­zen, denen die­se Men­schen auf ihrem Weg der Hoff­nung aus­ge­setzt waren, konn­ten wir selbst auf dem Fahr­rad kaum nach­emp­fin­den.

Das ein­zig Senk­rech­te in sol­chen Lagen waren Eis­ber­ge – nein, es schnei­te nicht -, die es in jedem Dorf und an jeder Kreu­zung gab. Nach Stun­den unter sen­gen­der Son­ne kamen die gele­gent­li­chen Stopps an den Junc­tions recht gele­gen, noch dazu, wenn dort aus gro­ßen Eimern pfund­wei­se Eis­krem auf klei­ne Hörn­chen gepfropft wur­de.

Aber auch damit war west­lich des Green River Schluss. Nicht mal ein win­zi­ges CafÈ, kein Road­hou­se, nichts außer Stra­ße bis Kem­me­rer auf dem Weg zum Bären­see. Danach stieg das Land wie­der an, wir hat­ten die wei­te Prä­rie hin­ter uns gelas­sen.

Durch enge Schluch­ten neben don­nern­den Trucks stürz­ten wir uns in das Becken des Bären­sees, der ein Aus­flugs­ge­biet für alle Städ­ter aus Salt Lake ist. Und das war er schon, als er noch als Treff­punkt für Trap­per dien­te, die dort ihre Fel­le gegen Mes­ser, Waf­fen, Koch­ge­schirr und aller­lei Uten­si­lein tausch­ten, die man zum Über­le­ben in der Wild­nis brauch­te. Ihre Moti­va­ti­on waren die rei­chen Grün­de für Biber­pel­ze im Nord­wes­ten der USA. Sie waren seit Jahr­hun­der­ten einer der Haupt­grün­de für die Expan­si­on der euro­päi­schen Sied­lun­gen an der Ost­küs­te des Kon­ti­nents, denn sie waren bares Geld wert: kein euro­päi­scher Herr ging ohne Hut, und Hüte waren aus Biber­pelz. Es ist viel­leicht eine Iro­nie der Geschich­te, dass gan­ze Kul­tu­ren und Völ­ker eines Kon­ti­nents zer­stört wur­den – um einer Mode wil­len.

Die Rück­fahrt führ­te uns dann direkt nach Salt Lake City zurück, wo wir den letz­ten Tag damit ver­brach­ten, Fahr­rad­kar­tons für die Rück­fahrt zu orga­ni­sie­ren, den Temp­le, das geis­ti­ge Zen­trum der Mor­mo­nen, anzu­schau­en und uns von einer mis­sio­na­risch hoch­mo­ti­vier­ten Dame bei­na­he bekeh­ren zu las­sen.

Nix beson­de­res also.